Früh übt sich

INTERVIEW Rika Baack

Einen Algorithmus tanzen, Pixelbilder malen, Gedichte programmieren: Wie können wir Kinder und Lehrkräfte in der Grundschule für Informatik begeistern – ohne sie zu überfordern? Gabriele Wille, Ute Schmid und Eve Tessenow sprechen über Geschlechterrollen, Lernorte und Startschwierigkeiten.

Sie alle wollen Informatik in die Grundschulen bringen: Aber gibt es auch Dinge, die Kinder in dem Alter einfach noch nicht ­verstehen können?

Ute Schmid  Ich denke, dass jedes Thema geht, wenn man es passend didaktisch reduziert. Wohlweislich lehren wir das Thema Binärcode mit allen möglichen Dingen – aber nicht mit Zahlen. Das kann in der Grundschule schiefgehen, denn die Kinder lernen gerade erst, sich im Dezimalsystem zurechtzufinden. Wenn ich dann sage: „Guck mal, die 17, die kann ich auch mit Nullen und Einsen schreiben“, wird es sehr schwierig. Während man die Grundkonzepte des maschinellen Lernens sehr gut spielerisch einführen kann, ist es nicht so einfach, anschaulich einzuführen, wie generative Modelle funktionieren. Wir können aber immerhin verdeutlichen, dass KI-Modelle nie ganz fehlerfrei arbeiten können, und Strategien zur kritischen Prüfung generierter Inhalte vermitteln.

Eve Tessenow  Die Frage ist gar nicht, ob Kinder das können, sondern warum sie es in dem Alter schon können sollten. Ich glaube, dass man alles didaktisch reduzieren kann, solange man schaut, dass es fachlich korrekt bleibt. Aber warum sollten wir das? Wie relevant ist es für das aktuelle oder vielleicht auch spätere Leben der Kinder, in dem Alter bereits Grundlagen zu kennen?

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„Informatische Bildung bildet eine wesentliche Grundlage, um eine demokratische Haltung zu entwickeln.“
Eve Tessenow

Computational Thinking

beschreibt vereinfacht ausgedrückt Denkprozesse, die insbesondere Abstraktion, Dekomposition (Zerlegung) und Mustererkennung umfassen. Die gezielte Anregung dieser Denkprozesse kann einen Zugang zur Integration informatischer Denk-, Handlungs- und Arbeitsweisen in Lehr-Lern-Situationen eröffnen.

Welche Rolle spielen außerschulische Orte für die Integration informatischer Bildung in Grundschulen?

Gabriele Wille Bei einem Technik-Kurs, den ich ins Leben gerufen habe, waren Mädchen zwischen acht und 18 Jahren dabei. Die Achtjährigen waren begeistert und steckten die Älteren an. Damit war für mich klar: Wir müssen früher beginnen. Außerschulische Orte und Lernpartner können umgehend einen Zugang ermöglichen. Als Verein wollen wir letztendlich auch die Fortsetzung in der Schule sehen.
 
ET    Wichtig finde ich auch die Frage der Überbetonung von Informatik. Informatik ist nicht das Besondere, womit wir uns mal beschäftigen, wenn Fachleute da sind, sondern das ist etwas, das in unserem Alltag vorkommt, auch in dem von Kindern. Außerschulische Lernorte sind wahnsinnig wichtig und ein Ankerpunkt, ein Zugangsweg. Aber es braucht auch die flächendeckende Integration in die Grundschule.

US    Typischerweise nehmen die außerschulischen Angebote auch überwiegend Kinder aus eher bildungsnahen Elternhäusern wahr. So kann eine immer größere Kluft an digitalen Kompetenzen entstehen und Bildungsungerechtigkeiten werden verstärkt.

ET    Ich würde gerne wissen: Braucht es für die Integration in die Grundschule ein eigenes Fach oder ist das wie Medienbildung zu denken, die wir überall integrieren sollten?

US    Tatsächlich würde ich Informatik in der Grundschule nicht als eigenes Fach sehen. In einem Beitrag für das Informatik-Spektrum haben wir ein Spiralcurriculum vorgeschlagen, das von Computational Thinking – also Informatik als Zugang zum Problemlösen – bis zu ganz speziellen Themen reicht. Dabei werden Inhalte über die Klassenstufen hinweg immer wieder aufgegriffen und altersangemessen vertieft. Wenn Informatik kein eigenes Fach ist, besteht das Risiko darin, dass es dann doch nur als Nice-to-have wahrgenommen wird und Informatikinhalte doch nur sehr wenig oder gar nicht behandelt werden. Das ist für mich das einzige Argument für ein Fach.

GW    Ich pflichte dir bei, dass Informatik in der Grundschule wirklich fächerübergreifend unterrichtet werden kann und sollte. Ich habe schon erlebt, dass Deutschlehrkräfte tatsächlich über erzählerische Informatikarbeitshefte einen Zugang finden. Oder Sportlehrkräfte, die Kindern einen Algorithmus als Tanz beibringen. Die Frage ist für mich: Wie qualifizieren sich die Lehrkräfte? Normalerweise ist es so, dass Lehrkräfte ein Fachgebiet studieren, um dieses dann zu unterrichten.

ET    Ich befasse mich für den Informatik-Monitor Grundschule der GI aktuell wieder intensiv mit Lehrplänen. Wenn ein Fach zur Integration prädestiniert ist, dann der Sachunterricht. Aber meiner Meinung nach läuft der Sachunterricht gerade Gefahr, überfrachtet zu werden, weil er schon ganz viele Perspektiven hat – zum Beispiel die technische, historische oder geografisch orientierte. Ich habe mich gefragt, ob es ein eigenes Fach zu den Grundlagen der Informatik geben könnte, das aber immer wieder Bezüge zu anderen Fächern herstellt: etwa eine Projektarbeit zu Gedichten, die wir programmieren oder die wir szenisch aufnehmen. Oder wir fragen uns, wie ein Algorithmus zum Bilden oder Vervollständigen von Mustern aussehen könnte – Mustererkennung oder -fortsetzung ist eine mathematische Kompetenz, die in Grundschulen eine große Rolle spielt.

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„Es ist das Größte für mich, wenn ein Mädchen in der Evaluation schreibt, dass ihr das Programmieren am besten gefallen hat – mit drei Ausrufezeichen!“
Ute Schmid

Wie wird informatische Bildung denn von einem Nice-to-have zu einem Must-have?

GW    Das Thema Informatik in der Grundschule verunsichert viele Lehrkräfte. Sie sagen: „Die Kinder kennen sich doch viel besser mit digitalen Geräten aus!“ oder „Ich bin doch dafür nicht ausgebildet.“ Letztendlich ist es ja so, dass man als Lehrkraft kompetent und fähig sein möchte, eine Gruppe zu führen. Man möchte keine Unsicherheit zeigen. Ich halte es für sehr wichtig, diese Wissensvermittlung sowohl für die Kinder als auch begleitend für die Lehrkräfte anzubieten, ohne dass jemand das Gesicht verliert.

ET    Ich glaube, dahinter liegt ein Bild von einer Lehrkraft. Nämlich, dass sie alles wissen müsste. Und ich glaube, das ist im Kontext von Informatik nicht mehr leistbar. Das wird auch nie leistbar sein. Alles entwickelt sich so schnell. Ich glaube, das ist sehr spezifisch für das Feld der Informatik.

US    Viele Lehrkräfte, die häufig aufgrund ihrer Ausbildung weit weg sind von Informatikthemen, denken – ­leider genauso wie die entsprechenden Ministerien und Institute –, dass es mit der Informatik getan sei, wenn man Tablets anschafft oder aus einem Arbeitsblatt ein PDF macht, das man digital ausfüllen kann.

ET    Dabei bildet informatische Bildung eine wesentliche Grundlage, um eine demokratische Haltung zu entwickeln. Damit sollten wir auch die Politik überzeugen. In der Grundschule fangen wir im Kleinen damit an, dass Algorithmen und Informatiksysteme wie Smartphones und Computer von Menschen gestaltet sind. Aber das ist eine Grundlage, um dann darüber sprechen zu können, wie Wahlen manipuliert werden. Unsere demokratischen Werte basieren ja darauf, dass wir partizipieren können an verschiedenen Prozessen, aber auch verstehen, wie diese beeinflusst und geprägt werden.

Wie kann man Lehrkräfte denn unterstützen?

GW    Wir finden es als Verein wichtig, die Akzeptanz für das Thema in der ganzen Schulfamilie zu stärken. Dazu führen wir Gespräche mit der Schulleitung, den Lehrkräften und dem Elternbeirat und diskutieren die Ziele der informatischen Bildung. Wir sichten das Material, das in den Schulen ist, denn häufig sind sie gut ausgestattet: Aber teilweise sind die Geräte noch in ihren Originalverpackungen oder man traut sich nicht so recht ran an den perfekt ausgestatteten Computerraum. Wir gestalten daraufhin eine Fortbildung für die Lehrkräfte, in der wir gemeinsam mit ihnen die Module durchspielen und ihnen dazu die jeweiligen Ziele erklären. Außerdem ermutigen wir sie, konkrete Alltagssituationen als Beispiele für informatische Bildung zu finden.

US    Wichtig ist, dass wir Materialien und Handreichungen haben, die so robust sind, dass sie auch funktionieren, wenn sie von Lehrkräften genutzt werden, die keinen vertieften fachlichen Hintergrund haben. Wie tiefgehend kann eine Grundschullehrkraft beispielsweise darauf antworten, wenn ein Kind gezielt nachfragt, warum der Stein sinkt und warum das Blatt schwimmt? Viele Konzepte kann man nur gleichzeitig didaktisch angemessen und fachlich korrekt erklären, wenn man sie selbst sehr gut verstanden hat. Wir haben Arbeitshefte zusammen mit einem umfangreichen Lehrkräftebegleitband entwickelt. Darin liefern wir Hintergrundinformationen und gehen explizit auf typische Fehlvorstellungen und Fallstricke ein, die wir in Workshops beobachtet haben. Beispielsweise hat es wenig Sinn, lineare und binäre Suche mit dem Beispiel zu motivieren: „Ihr habt sicher auch schon mal eure Socke im ganzen Zimmer gesucht.“ Algorithmen zur Suche in Listen haben kaum etwas mit Suchverfahren im freien Raum zu tun.

ET    Materialien sind ein Einstiegspunkt. Aber es ist auch total wichtig, so etwas wie „Safer Spaces“ für Lehrkräfte zu schaffen, wo sie erproben dürfen, wo sie Fehler machen dürfen, wo sie Feedback bekommen von anderen Lehrkräften, wo sie gemeinsam Material austauschen können. Von diesen Räumen gibt es noch zu wenige. Mit dem Hintergrund des Lehrkräftemangels ist das natürlich schwierig, aber ich glaube, das wäre der nächste Schritt.

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„Ich halte es für sehr wichtig, diese Wissens­vermittlung sowohl für die Kinder als auch ­begleitend für die Lehrkräfte anzubieten, ohne dass jemand das Gesicht verliert.“
Gabriele Wille

Ute Schmid

hat den Lehrstuhl für Kognitive Systeme an der Universität Bamberg inne und lehrt und forscht seit mehr als 30 Jahren im Bereich KI. Bereits seit 2005 entwickelt sie Materialien und Workshops zur Vermittlung von Informatik- und KI-Kompetenzen an Kinder und Jugendliche. Dabei liegt ihr die Förderung von Mädchen und jungen Frauen besonders am Herzen.

Eve Tessenow

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Halle in der Didaktik der Informatik. Sie promoviert aktuell zu Wünschen und Erwartungen von Lehrkräften der Klassen drei bis sechs an Fortbildungen der informatischen Bildung. Außerdem arbeitet sie mit am Grundschul-­Informatik-Monitor der GI und ist Teil der GI-Arbeitsgruppe Primar- und Elementarinformatik.

Gabriele Wille

initiierte und setzte in ihrem früheren Alltag als Lehrerin und Konrektorin viele Projekte zur Integration und Inklusion um. Nach dem Technik-Kurs Patente Mädchen, den sie im Rahmen von „Kultur macht stark“ des BMBF entwickelt und durchgeführt hat, gründete sie 2022 den Verein MINT-logisch, um Kindern niederschwellig Themen aus dem Bereich MINT und vor allem der informatischen Bildung näherzubringen.

mint-logisch.de

Upcoming

Seit 2021 veröffentlicht die GI den Informatik-Monitor, der einen aktuellen Überblick zum Stand der informatischen Bildung in den ­Bundesländern gibt. Aktuell in Arbeit ist der Informatik-Monitor für die Grundschule. Erste Ergebnisse erscheinen voraussichtlich im ­zweiten Quartal 2026.

Die aktuelle Version gibts hier:
https://informatik-monitor.de

Nehmen Sie auch schon im ­Grundschulalter Geschlechterunterschiede wahr?

US    Meine Erfahrung ist: Wenn wir Mädchen nicht früh erreichen, dann erreichen wir sie gar nicht mehr. Ich habe das Gefühl, dass es von der Vorschule bis zur zweiten, dritten Klasse kein Problem ist, Informatik-Angebote für alle Geschlechter zusammen zu machen. In der Grundschule – schon in der dritten Klasse – erlebe ich aber erste Rollenstereotype. Typischerweise planen die Mädchen mehr und sind meistens nach anderthalb Stunden fertig mit einem Programmierprojekt. Die Jungs haben so viel ausprobiert, dass nichts fertig ist. Sie haben aber im Zweifel mehr gelernt. Es braucht viel didaktisches Geschick, Jungen dazu zu bewegen, planvoll etwas zu erstellen, und die Mädchen dazu, mehr auszuprobieren. Und zwar ohne, dass es offensichtlich wird, dass es mir ein didaktisches Anliegen ist.

GW    Als wir den ersten Python-Kurs beim Girls’ Day angeboten haben, der Mädchen ab zehn Jahren offensteht, saßen die Mädchen fast eingeschüchtert da. Nachdem sie ihren ersten kleinen Taschenrechner programmiert hatten, waren sie ganz überrascht, dass er funktionierte. Den nächsten Kurs haben wir öffentlich ausgeschrieben: Es haben sich nur Jungen angemeldet. Kein einziges Mädchen hat sich getraut teilzunehmen. Seitdem schreiben wir bestimmte Kurse paritätisch aus. Beim Selbstbild ist letztendlich noch viel zu tun. Daher ist es wichtig, bereits in der Vorschule Technik zu begegnen. Was ich oft mache, kann ich einfach besser.

US    Stichwort Klassenverband: Wenn wir in Klassen oder in eine Ganztagsbetreuung gehen, dann sind die Mädchen und alle anderen Kinder, die an außerschulischen Angeboten nicht teilnehmen, per default dabei. Es ist das Größte für mich, wenn ein Mädchen in der Evaluation schreibt, dass ihr das Programmieren am besten gefallen hat – mit drei Ausrufezeichen!

ET    Ich beobachte gerade in der Informatikdidaktik, dass der frühe Start in die Informatik so eine Art Heilsbringer sein soll, um Stereotype und Gaps zu bearbeiten – etwa in puncto Gender, soziale Klasse oder Behinderung. Besonders beim Gendergap frage ich mich, ob wir wirklich untersuchen müssen, was Mädchen im Informatikkontext ausmacht – was sie brauchen oder wie sie wachsen können –, um sie dann getrennt zu unterrichten. Ich weiß nicht, ob das der richtige Ansatz ist. Müssen wir nicht auch zeigen, dass da viele tolle FLINTA*-Personen* sind und eben noch mehr von ihnen Platz haben? Müssen wir nicht auch ein Umfeld schaffen, in dem sich alle wohlfühlen?

US    Absolut. Wir entwickeln und evaluieren tatsächlich im BMFTR-Projekt PIONIERIN Workshop-Formate, bei denen wir gezielt Role Models mit einbinden. Das spielt auch rein in die Unterstützung von Mädchen, Eve, von der du gesprochen hast: Auch mit Anwendungsbeispielen aus Medizin, Bildung und Umwelt sind Mädchen häufiger zu erreichen, weil sie merken, dass sie damit Menschen helfen können.

ET    Aber müssen wir das wirklich als einen Fokus auf Mädchen denken? Oder ist es nicht eigentlich so, dass wir endlich aufzeigen, dass Informatik vielfältig ist – und das zufällig auch FLINTA* anspricht?

 

 

* FLINTA* ist ein Akronym, das für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht binäre, transgeschlechtliche und agender Personen steht. Der Asterisk dient als Platzhalter für Personen, die sich im Akronym nicht wiederfinden, aber ebenfalls von geschlechtlicher ­Marginalisierung betroffen sind.