Zwischen Kanzleramt
und Karaokebar

TEXT Lea Hildermeier und Luca Randecker

Das Common Grounds Forum ver­schafft jungen Stimmen Gehör: in der Digitalpolitik und darüber hinaus. Bei einer Delegationsreise im Frühling gingen 25 junge Menschen in den Austausch über Positionen, ­Forderungen und ganz konkrete Tipps für die Lobbyarbeit. Zwei von ihnen haben ­erarbeitet, was junge Interessen­vertretung im politischen Berlin über Digitalpolitik lernen kann.

Wer an Lobbyarbeit denkt, hat oft Bilder von verschlossenen Türen, dunklen Anzügen und etablierten politischen Akteur*innen im Kopf. Ende März 2026 sah das politische Berlin jedoch für einige Tage anders aus. Mit Notizbüchern, vorbereiteten Gesprächsleitfäden und einer langen Liste an Themen reiste eine 25-köpfige Delegation des Common Grounds Forum (CGF) im Alter zwischen 16 und 30 nach Berlin, um über digitale mentale Gesundheit, nachhaltige Software, demokratische Teilhabe und digitale Infrastruktur zu sprechen. Nicht als symbolische Jugendbeteiligung, sondern als Menschen mit konkreten politischen Forderungen und eigenen Perspektiven auf digitale Gesellschaft.

Das CGF bringt seit 2023 junge Stimmen mit unterschiedlichen Perspektiven und Hintergründen zusammen, um Positionen zu Digitalisierung, Bildung, Demokratie und gesellschaftlichem Wandel zu entwickeln. Die Community versteht Digitalisierung nicht als rein technisches Thema, sondern als gesellschaftliche Gestaltungsfrage. Genau das prägte auch die Delegationsreise nach Berlin.

Zwischen Gesprächen im Bundestag, Terminen im Bundeskanzleramt und dem Austausch mit zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der Gesellschaft für Freiheitsrechte, Wikimedia Deutschland, Bitkom oder der Initiative D21 wurde schnell deutlich: Hinter vielen Debatten über digitale Technologien stehen gesellschaftliche Fragen, die weit über technische Lösungen hinausreichen.

 

Junge Perspektiven im politischen Berlin

Besonders eindrücklich war bei vielen Delegierten der Moment, plötzlich selbst in diesen politischen Räumen zu sitzen. Was vorher abstrakt wirkte, wurde konkret: „Sehr einprägsam war die Möglichkeit, sich in diesem großen Saal im Kanzleramt auf Au-genhöhe mit den operativ tätigen Personen auszutauschen“, erinnert sich Moritz Kreinsen, CGF-Vertreter und Experte für Informatikdidaktik.

Für viele war die Reise der erste direkte Kontakt mit politischer Interessenvertretung. Außerordentlich prägend war dabei oft nicht nur der Inhalt der Gespräche, sondern die Erfahrung, überhaupt Teil davon zu sein. „Das war total neu für mich. Dementsprechend war ich auch ein bisschen nervös. Aber ich habe im Gespräch gemerkt, dass es gar nicht so schlimm ist und dass man gut reinkommt, wenn man sich traut“, so Aline Geißler, die sich insbesondere für Klimagerechtigkeit einsetzt.

Gerade darin lag eines der wichtigsten Learnings der Reise: Gute Lobbyarbeit beginnt nicht erst beim fertigen Forderungspapier. Sie beginnt damit, die eigene Perspektive als relevant wahrzunehmen und sie in politische Räume einzubringen. Sarra Lejmi, die sich speziell im Bereich Jugendbeteiligung engagiert, beschreibt die Woche in Berlin als Erfahrung, die weit über einzelne Gespräche hinausging: „Die Reise hat mein Bewusstsein dafür geschärft, wie wichtig demokratische Mitwirkung und gesellschaftliches Engagement für eine lebendige und vielfältige Gesellschaft sind. Die Begegnungen und Gespräche haben mir neue Sichtweisen eröffnet, bestehende Annahmen hinterfragt und mich motiviert, mich auch künftig aktiv in politische und gesellschaftliche Prozesse einzubringen.“

„Wie würdest du die Delegationsreise in einem Wort beschreiben?”

Zitat Zeichen

„Motivierend.”
Aline Giessler

Zitat Zeichen

„Inspirirend.”
Benedikt Kammergruber

Zitat Zeichen

„Gamechanger.”
Moritz Kreinsen

Zitat Zeichen

„(Politische) Relevanz.”
Nils Alznauer

Zwischen Forderungen und Dialog

Die Delegationsreise machte auch deutlich, dass erfolgreiche Inte-ressenvertretung weit mehr ist als das möglichst häufige Wiederholen eigener Forderungen. Mehrere Delegierte beschrieben Vorbereitung und echtes Verständnis für das Gegenüber als entscheidend.

„Es ist wichtig, sich genau zu überlegen: Wer sitzt mir gegenüber? Was kann diese Person tatsächlich bewirken?“, bekräftigt Benedikt Kammergruber, einer der Jüngsten der Runde.

Gerade in Gesprächen mit Abgeordneten, Ministeriumsmitarbeitenden oder Verbänden gehe es nicht darum, möglichst viele Themen in kurzer Zeit unterzubringen, sondern sinnvolle Anknüpfungspunkte zu finden. Auch Nils Alznauer, der sich im CGF insbesondere im Bereich digitale Gerechtigkeit engagiert, betont, wie wichtig ein echter Austausch mit Abgeordneten verschiedener Parteien sei, und gibt als Rat mit: „Versuche, das Gespräch aktiv zu strukturieren und in eine sinnvolle Richtung zu lenken. Gleichzeitig ist es wichtig, auf dein Gegenüber einzugehen.“ Lobbyarbeit erschien dadurch weniger als undurchsichtige Hinterzimmerpolitik, sondern vielmehr als kommunikative Übersetzungsarbeit zwischen unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungswelten.

Das Common Grounds Forum

ist eine Community aus jungen Menschen zwischen 14 und 30 Jahren, die digitalpolitische Positionen entwickelt und Forderungen wirksam einbringt.

common-grounds-forum.org

Gerade für die Informatik-Community könnte darin eine wichtige Erkenntnis liegen. Viele Fragen rund um Digitalisierung bewegen sich an der Schnittstelle von Technologie, Politik und Gesellschaft. Wer digitale Zukunft mitgestalten möchte, muss deshalb nicht nur über technische Lösungen sprechen, sondern auch darüber, welche Auswirkungen diese auf unterschiedliche Lebensrealitäten haben und welche Perspektiven in ihre Entwicklung einfließen. Die Gespräche in Berlin machten deutlich, wie wichtig dafür Austausch und Dialog sind. Politische Gestaltung entsteht nicht allein durch Positionen oder Forderungspapiere, sondern auch durch Beziehungen, gegenseitiges Verständnis und die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen. Die Themen des CGF spiegeln genau diese Verbindung wider: Nachhaltige Softwareentwicklung, digitale mentale Gesundheit, demokratische Teilhabe oder Alternativen zu monopolisierten Plattformen sind nicht nur technische Fragen, sondern sie betreffen ökologische Verantwortung, digitale Souveränität und gesellschaftliche Machtverhältnisse.

Politische Teilhabe braucht Zugänge

Während der Reise wurde aber auch sichtbar, dass politische Beteiligung nicht für alle gleichermaßen zugänglich ist. Moritz Kreinsen beschreibt insbesondere die Bedeutung räumlicher Nähe: „Die Möglichkeit, sich kurzfristig vor Ort mit Stakeholdern und Entscheidungsträger*innen zu treffen, macht einen Unterschied.“ Politische Netzwerke entstehen oft dort, wo Menschen sich regelmäßig begegnen. Gerade deshalb sind Formate wichtig, die jungen Menschen konkrete Zugänge zu politischen Räumen ermöglichen. Auch für Sarra Leijmi lag die besondere Stärke der Delegationsreise darin, politische Prozesse unmittelbar erleben zu können: „Der direkte Austausch mit politischen Entscheidungsträger*innen sowie engagierten Teilnehmenden aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen hat mein Verständnis für politische Beteiligung vertieft und mich darin bestärkt, eigene Perspektiven aktiv in gesellschaftliche und politische Diskussionen einzubringen.“

Mehrfach wurden nicht die offiziellen Termine, sondern die informellen Momente der Reise als besonders bedeutsam beschrieben. Bei gemeinsamen Abendessen, spontanen Diskussionen nach langen Tagen oder beim Karaokeabend wurden Gespräche weitergeführt, Eindrücke gemeinsam reflektiert und neue Ideen für die weitere Arbeit entwickelt.

Für Benedikt Kammergruber ergibt sich daraus eine klare Empfehlung: „Nutzt die Reise vor allem, um echte Beziehungen aufzubauen, und nicht nur, um Visitenkarten zu sammeln.“

Mit zahlreichen neuen Eindrücken und Erfahrungen im Gepäck kehrten die Delegierten aus Berlin zurück. Geblieben ist vor allem die Erfahrung, dass politische Beteiligung nahbarer sein kann, als sie oft erscheint, und dass junge Perspektiven in diesen Debatten gehört werden wollen müssen.