Dreaming dreams
no mortal ever dared
to dream before

TEXT Maike Klein

200 Wissenschaftler*innen, 94 Talks, zwei vorwitzige Ziegen und zwei radelnde Pandas ... das traditionsreiche Interdisziplinäre ­Kolleg, veranstaltet von der Gesellschaft für Informatik, war auch dieses Jahr wieder für einige Überraschungen gut.

Luca Saur, Student der Cognitive Science in Osnabrück, und Daniel Huschina, der gerade in Bonn seine Informatik-­Masterarbeit schreibt, sind das erste Mal hier. „Ist eigentlich gar nicht mein Fachbereich, aber ich mag es, meinen Horizont zu erweitern“, erzählt Daniel. „Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Der Community-Aspekt hat mir richtig gut gefallen, auch, dass sich viele schon über Jahre kennen und sich hier wiedertreffen.“ Luca pflichtet dem bei: „Vor allem fand ich den Kontakt zu den Professoren cool. Beim Frühstück redet man noch mal miteinander, kann dann wirklich in den Themenbereich reingehen und natürlich auch Kontakte knüpfen. Es sind sehr viele interessante Leute da, die einfach Spaß an ihrem Thema haben.“

Zum 39. Mal trafen sich im März 2025 Wissenschaftler*innen aller Alters- und Karrierestufen in Günne am Möhnesee, um gemeinsam an Themen rund um künstliche Intelligenz zu arbeiten. Seine Wurzeln hat das Interdisziplinäre Kolleg (IK) in der „Frühjahrsschule Künstliche Intelligenz“ (KIFS), die seit 1982, als die KI-Forschung in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckte, jährlich an wechselnden Orten durchgeführt wurde – ab 1987 dann in Günne am Möhnesee und seit 1997 unter dem Namen ­„Interdisziplinäres Kolleg“. Veranstalter ist seit der ersten KIFS der Fachausschuss 6/Unterausschuss Künstliche Intelligenz der Gesellschaft für Informatik, heute Fachbereich KI. Im Fokus der Veranstaltung steht jedoch nicht nur die Informatik, sondern auch Disziplinen wie Neurowissenschaft, Psychologie oder Medizin – denn die Forschung an künstlicher Intelligenz ist seit ihren Anfängen in den 1940er-Jahren ein multidisziplinäres Unterfangen. 

 

Prothetik, Ziegen und schlechte Musik

Der Schwerpunkt in diesem Jahr war „Augmenting Minds and Bodies“. Unter anderem ging es darum, wie sich KI-Systeme selbst weiterentwickeln und sich an neue Datensätze, Umgebungen und Herausforderungen anpassen. Außerdem wurden Möglichkeiten ausgelotet, Körper und Geist zu erweitern – zum Beispiel mit Prothesen oder der Nutzung von KI für die Bildung.

Ein spontaner Programmpunkt war der Vortrag zu schlechter Musik von Justin London, Professor für Musik, Kognitions- und Geisteswissenschaften am Carleton College. Ursprünglich gar nicht eingeplant, wurde auf Bitten vieler Teilnehmer*innen noch ein Slot geschaffen. Für das Stück „The Most Unwanted Song“ aus dem Jahr 1997, einer Kollaboration des Künstlerduos Komar & Melamid zusammen mit Dave Soldier (hinter diesem Pseudonym verbirgt sich der Neurobiologieprofessor Dave Sulzer), wurde die Bevölkerung gefragt, welche Musikstile, Instrumente und Features sie am allerwenigsten hören wollen. Diese wurden dann zusammengemischt – zu einer merkwürdigen, lustigen und nervigen Musikcollage, in der ein absurdes ­Intermezzo auf das andere folgt. (Wie das klingt, können Sie hier auf YouTube nachhören!)

Auf dem IK passiert etwas Ähnliches – bloß nicht most unwanted, sondern vielmehr most unlikely: Man besucht eine Einführung zu maschinellem Lernen, dann faltet man in der Pause einen Origami-Fuchs, dann geht es weiter mit einem Kurs zu bionischer Rekonstruktion von Extremitäten, gefolgt von einer Jongliereinlage, einem Seminar zu Herausforderungen und Chancen des inkrementellen Lernens und einer Diskussion über Memristoren bei einem Bier in der holzverkleideten Bar. Beim bunten Abend tragen Teilnehmer*innen abwechselnd alle 18 Strophen von Edgar Allan Poes „The Raven“ vor – in ihren 18 verschiedenen Muttersprachen. (Eine Zeile daraus passt so gut zu der Veranstaltung, dass sie direkt zum Titel dieses Textes wurde.) Und irgendwann zwischendurch radeln zwei Pandas vorbei, und die Ziegen, die mal wieder ausgebrochen sind, verirren sich in die Postersession.
Jutta Kretzberg fährt seit 26 Jahren zum IK, erst als Studentin, nun als Professorin für Computational Neuroscience an der Universität Oldenburg und Mitglied des Programmkomitees: „Dieser interdisziplinäre Geist, der Geist, über die eigenen Disziplinen hinauszugehen und zwischen den Disziplinen und auch zwischen den Hierarchieebenen zu diskutieren, der ist geblieben.“

Zitat Zeichen

„You get used to talk to other strange people.”
Herbert Jaeger, Universität Groningen

Zitat Zeichen

„I found my roommates at IK.”
Cosima Prahm, Universitätsklinikum Bonn

Das nächste IK
 

zum Thema „Bridging Realities of Brains, Language, and Technology“ findet vom 13. bis 20. März 2026 statt.

https://interdisciplinary-college.org

 

Überwindung von Grenzen und Hierarchien

Aktuell wird oft diskutiert, ob KI-Technologien selbst kreativ werden können. Doch welche KI könnte sich etwas so Unwahrscheinliches wie das IK ausdenken? Dass das Konzept von frühen KI-Forscher*innen stammt, macht allerdings Sinn. Denn künstliche Intelligenz war schon immer ein Forschungsgegenstand, in dem es um interdisziplinäre Zusammenarbeit und Um-die-Ecke-Denken geht.

„Für mich war das Interdisziplinäre Kolleg immer das, was ich mir unter Wissenschaft vorgestellt habe“, erzählt Marius Klug, Forschungsgruppenleiter an der BTU Cottbus-Senftenberg und inzwischen im Programmkomitee aktiv. „Es geht darum, den Horizont zu erweitern. Das IK ist für mich der Ort, an dem ich das bekomme. Es ist der beständigste Ort in meiner akademischen Laufbahn. Alles hat sich verändert, aber das IK war immer da: dieser Raum, etwas zu lernen, mit dem ich in meinem normalen Arbeitsleben nichts zu tun hätte.“ Anderen geht es ähnlich: „Die Menschen wachsen mit dem IK auf. Sie kommen sehr jung hierher und bleiben ein Leben lang“, beobachtet Cosima Prahm, Direktorin des Zentrums für Klinische Forschung am Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) und eine der diesjährigen Chairs.

Benjamin Paaßen, Juniorprofessor für Wissensrepräsentation und Maschinelles Lernen an der Universität Bielefeld und Co-Chair, fügt hinzu: „Es ist ein Ausdruck der akademischen Freiheit in ihrem schönsten Sinne. Und die akademische Freiheit ist im Moment in der Welt auf dem Rückzug. Zum Glück halten Veranstaltungen wie diese sie noch aufrecht. Und deshalb sollten wir das IK auf jeden Fall bewahren.“