Forschen mit
„angezogener Handbremse“

TEXT Sabine Kruspig

Wie war das Forschen auf dem Gebiet der Informatik in der DDR? Eine ehemalige ­Mitarbeiterin des Instituts für Informatik und Rechentechnik der Akademie der ­Wissenschaften der DDR gibt persönliche Einblicke.

Am Institut für Informatik (IIR) war die Entwicklung von Hardware und Software des Paketvermittlungssystems A 7800 auf Basis eines fehlertoleranten Multiprozessorsystems eines von vielen Themen der Grundlagen- und der angewandten Forschung. Bei der Paketvermittlung (packet switching) geht es um Pakete im Sinne von kurzen Elementen von Nachrichten, die zwischen weit entfernten Computern ausgetauscht werden.1 Grundlegende Prinzipien des „packet switching“ wurden bereits in den 1960er-Jahren in den USA entwickelt, kamen bei der Entwicklung des ersten „wide area packet-switched network“ – ARPANET – zur Anwendung und sind Bestandteil der Funktionalität des heutigen Internets.

Nicht überraschend also, dass diese auch in der DDR-Forschung zu Computernetzwerken eine Rolle spielten. Der Versuch der DDR in den 1980er-Jahren, ein Netz von Siemens realisieren zu lassen, scheiterte an der seit 1949 unter Leitung der USA geltenden CoCom-Embargopolitik2 gegenüber Ländern unter sowjetischem Einfluss.3 Somit war eine eigenständige Entwicklung erforderlich, um international nicht völlig den Anschluss zu verlieren: Die Forschung an dieser Alternative zeigte sich an Veröffentlichungen zum Netzwerk DELTA, mit einem Paketvermittlungssystem namens KOMET. Welche Anforderungen so ein System erfüllen musste, zeigt ein historisches Dokument zum sogenannten System A 7800 (siehe Bild).

1983 begann ich meine Tätigkeit im Zentrum für Rechentechnik (ZfR) der Akademie der Wissenschaften (AdW), das teilweise am Institut für Hochenergiephysik am Rande von Berlin/Ost untergebracht war. Nach Abschluss des Studiums hatte ich zunächst sechs Jahre im DDR-Patentamt als Patentprüferin gearbeitet. 1984 war aus dem ZfR das IIR gegründet ­worden. Damit im Zusammenhang konnte 1985 nun endlich auch die Gesellschaft für Informatik der DDR als wissenschaftliche Gesellschaft gegründet werden (der ich beitrat).4 Beide ­Gründungen machen deutlich, wie sehr die Informatik auch im Arbeiter- und Bauernstaat DDR an B­edeutung gewann.

Westliche Systeme unter Geheimhaltung

Die Mitarbeit an der Testung von Teilsystemen des Multiprozessorsystems K 1781 (bis zu 16 Prozessormodule) war eines meiner Arbeitsgebiete. Trotz der Embargopolitik kam ein westliches CAD/CAM-System zur Entwicklung der Leiterplatten für die Prozessormodule zum Einsatz. Es war nur für Mitarbeiter*innen unter Einhaltung von Geheimhaltungsverpflichtungen zugänglich. Erste Leiterplatten wurden 1989 vom Kombinat Robotron gefertigt, dem größten Computerhersteller der DDR.

Ein Schwerpunkt bei der Entwicklung von Hardware und Software für das Paketvermittlungssystem lag im Erreichen einer hohen Zuverlässigkeit und Echtzeitfähigkeit durch Fehlertoleranz und dynamische Flexibilität. Forschungsgegenstand waren unter anderem Methoden der Zuverlässigkeitsanalyse oder Simulationen zur Belastung der die Prozessormodule koppelnden Bussysteme. Dabei entstanden Dissertationen, etwa von Uwe Kucharzyk5, Veröffentlichungen und Patente. 

Patentierte Alternativlösungen

Als Patentingenieurin des IIR war ich ebenfalls für Patentanmeldungen des Instituts verantwortlich. Die DDR setzte seit den 1970er-Jahren nach einem Nischendasein des Patentsystems vermehrt auf patentierbare Erfindungen, um damit möglichst auch weltmarktfähige Spitzenlösungen zu entwickeln.6 Erfindungen bestanden zum Teil in Alternativlösungen zu nicht verfügbaren westlichen Schaltkreisen zum Beispiel für unterbrechungsfreien Wechsel von Leiterplatten im laufenden Betrieb. Die westliche Embargopolitik bedeutete einerseits Forschen mit angezogener Handbremse, da viele auf dem westlichen Weltmarkt lieferbare Produkte aus der Literatur bekannt, aber real nicht zur Verfügung standen. Andererseits eröffnete sie aber auch viele Möglichkeiten und Gründe, um eigenständige Lösungen unter Beachtung internationaler Standards zu entwickeln. Zudem ergab sich das Forschen mit angezogener Handbremse teilweise auch aus generellen wirtschaftlichen Problemen der DDR.

Neben der direkten Arbeit zum Paketvermittlungssystem A 7800 gab es internationale Forschungskontakte, naturgemäß primär zu sozialistischen Staaten, eher selten auch zu Forschungseinrichtungen und Fachverbänden im NSW (kurz für Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet). Konferenzbesuche im NSW unterlagen strenger Personalauswahl. Im Juli 1989, als es schon Anzeichen für wie auch immer geartete gesellschaftliche Veränderungen gab, fand in Berlin/Ost unter Beteiligung der GI der DDR eine Konferenz der International Federation for Information Processing (IFIP) statt.7

Derartige Konferenzen mit westlicher Beteiligung waren bis dahin eher die Ausnahme gewesen. Der deutsch-US-amerikanische Prof. Joseph Weizenbaum nahm an der Konferenz teil und warnte schon damals vor negativen Folgen der KI. Die mit dem Mauerfall 1989 verbundenen politischen Entwicklungen bedeuteten einerseits das Ende des Forschens mit angezogener Handbremse sowie der „Klimmzüge, die notwendig waren, um im wissenschaftlich-technischen Fortschritt im Westen mitzuhalten“8. Real  wurden diese neuen Möglichkeiten überdeckt durch die Ereignisse des insbesondere für ehemalige DDR-Bürger*innen überwiegend drastisch empfundenen gesamtgesellschaftlichen Systemwechsels – mit all seinen Licht- und Schattenseiten, für die Forschung – und für die Informatik.

1https://en.wikipedia.org/wiki/Packet_switching
2https://de.wikipedia.org/wiki/Coordinating_Committee_on_Multilateral_Export_Controls
3 Merkel, Gerhard (2006), Computerentwicklungen in der DDR – Rahmenbedingungen und Ergebnisse, 
Informatik in der DDR – eine Bilanz, S. 40-54. Gesellschaft für Informatik.
4 Merkel, Gerhard (2006), Bildung und Wirken der Gesellschaft für Informatik der DDR, Informatik in der DDR – 
eine Bilanz, S. 451-461. Gesellschaft für Informatik.
5 Kucharzyk, Uwe (1988), Zuverlässigkeitsanalyse fehlertoleranter Multiprozessorsysteme (Dissertation), AdW, IIR.
6 Staatsverlag der DDR (1987), Beschluß über Maßnahmen zur Förderung der Erfindertätigkeit vom 2.3.1978, ­Patentrecht, Muster- und Warenkennzeichnungsrecht.
7https://openlibrary.org/books/OL21438903M/Information_system_work_and_organization_design
8 Mau, Steffen (2023), Lütten Klein – Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp.

Über die Autorin

Dipl.-Ing. Sabine Kruspig ist ­Patentanwältin bei Schwarz & Kollegen. Sie studierte technische Kybernetik und Automatisierungstechnik an der TU Dresden und wissenschaftlich-technischen Rechtsschutz an der Humboldt-Universität Berlin. Von 1977 bis 1983 arbeitete sie im DDR-Patentamt, dann bis 1992 im ZfR und IIR der AdW und bis 2016 als Patentprüferin und Direktorin beim Europäischen Patentamt. Ab 1985 war sie Mitglied der GIDDR und danach der GI. Dort beteiligte sie sich in der Arbeitsgruppe zur Patentierung rechnergestützter Erfindungen (2005) und hielt Vorträge zur Patentierung softwarebasierter Erfindungen für die Regionalgruppe München. Seit 2008 ist sie in der Fachgruppe Frauen und Informatik und dort seit 2018 Vertreterin in der CEPIS Gruppe „women in ICT“.

Deep Dive

Mit dem Mauerfall 1989 begann das Ende der AdW und damit auch die Auflösung des IIR. Details sind dem Beitrag von G. Merkel zur Informatik-­Forschung an der AdW zu ­entnehmen: Merkel, Gerhard (2008), Forschungsarbeiten zur Informatik in der Akademie der Wissenschaften der DDR, Informatik in der DDR – Grundlagen und Anwendungen, S. 29–40. Gesellschaft für Informatik.