Hin und weg
von digitaler Souveränität

INTERVIEW Rika Baack

Technische Abhängigkeiten sind fest verankert in Hochschulen, Firmen und in den Köpfen vieler. Im Interview sprechen Informatikstudentin Marlena Müller und CTO Florian Oelmaier über die Kluft zwischen technischen Möglichkeiten und politischem Willen zu größerer Unabhängigkeit.

Welche Ziele gehören zum Begriff der digitalen Souveränität? Und wie steht es dabei um Deutschland?

Marlena Müller Im allgemeinen Verständnis geht es um Unabhängigkeit von ausländischen Softwareprodukten, insbesondere von Cloud-Produkten. Für mich sollte es noch viel mehr darum gehen, dass diese Unabhängigkeit, die vertraglich zugesichert ist, auch in der Realität wirklich vorhanden sein muss. Es geht nicht, dass man von amerikanischen Cloud-Anbietern unabhängig sein möchte und dann bei europäischen Cloud-Anbietern wieder in die gleichen Abhängigkeitsfallen tappt. Man muss auf unterschiedliche Hoster setzen, auf Software, die man selber besitzt oder von der man Äquivalente von anderen Anbietern erhalten kann.

Florian Oelmaier Ich frage mich, ob Sicherheit auch dazugehört. Diese Fremdherrschaft über die IT kann nicht nur von Anbietern, sondern auch von Angreifern kommen. Und was passiert, wenn der Konzern selbst mir zwar alles zusichert, aber dann von der Regierung angewiesen wird, das doch nicht zuzulassen? Diese Freedom of Choice, die Marlena in den Vordergrund rückt, bringt mir nichts, wenn ich keine signifikante Alternative habe. Heute kann ich mich entscheiden, ob ich zu Amazon, Google oder Microsoft gehe. Tolle Freedom of Choice. Office-IT wie von Microsoft wollen Firmen möglichst kostengünstig kaufen und sie wollen damit keinen Ärger haben. Ich habe aktuell für einen Mittelständler keine echte Alternative, die ihm das so einfach bietet. Bis wir sie entwickelt haben, müssen wir die großen amerikanischen Dienstleister verpflichten, unsere europäische Vorstellung von digitaler Souveränität wirklich ­umzusetzen. 

Und wie das?

FO Die klassische Forderung ist, dass 30 Prozent der Commits im Source-Code, also bestätigende Freischaltungen von Änderungen, aus Europa kommen. In Europa soll nicht nur die Software betrieben werden, sondern auch ein Repository existieren, sodass die Software hier gelagert und kompiliert wird. Der Nebeneffekt dieser Anforderungen wäre, dass die Produkte der großen Konzerne teurer werden, was die Gründung von europäischen Alternativen erleichtert.

MM Wie, meinst du, kann man das überhaupt rechtlich umsetzen, dass wir Microsoft dazu verpflichten, entsprechende Kapazitäten in Europa sicherzustellen, die auch ausreichend unabhängig sind? Wenn wir uns anschauen, was in der Vergangenheit schon passiert ist – dass der Chefjustiziar von Microsoft Frankreich gesagt hat, sie könnten sich rechtlich gar nicht vor Zugriffen der US-Justiz schützen –, dann sehen wir, dass das so nicht funktioniert.

FO Die Alternative wäre, so zu handeln wie China: Dort dürfen Hyperscaler, also große Tech-Anbieter, nur ohne amerikanische Kontrolle agieren. Sie müssen ein Joint Venture machen mit einem Unternehmen in China, den Regeln der Zensur folgen und vieles mehr. So funktionieren die Skalierungsvorteile der amerikanischen Tech-Konzerne nicht mehr. Das ist ein Drohpotenzial, das wir haben. Rein technisch gesehen könnten wir über entsprechende Zertifizierungen, zum Beispiel die C5-Zertifizierung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik oder die EU-Cloud-Zertifizierung, festlegen, dass etwa 30 Prozent der Entwicklerkapazität für eine Cloud in Europa liegen sollen. In Wirklichkeit wären Microsoft, Amazon und Google darüber gar nicht so unglücklich, glaube ich. Sie wollen nicht abhängig von einer Presidential Order aus den USA sein. Es sind ja ihre Kunden, mit denen es dann Ärger gibt.

MM Jetzt ist die Frage: Warum tut Microsoft das nicht schon, wenn es im eigenen Interesse ist? 

FO Ja, auch in der EU würde man für solche Maßnahmen gerade keine Einigkeit bekommen. Tatsache ist, wir werden nicht daran vorbeikommen. Microsoft und die Office-IT interessieren mich nur peripher. Ob unsere Waffensysteme ohne amerikanische Software und unsere Medizintechnik ohne amerikanische und chinesische Software und Hardware funktionieren – das sind die Fragen, die wirklich etwas ausmachen. Ab dem Zeitpunkt, ab dem ich jemanden nicht mehr ­operieren kann oder meine Verteidigung in den Händen von fremden Mächten ist, wird das Spiel schwierig.

 

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„Es ist der Konsens, dass es auf gar keinen Fall so weitergehen kann, wie es aktuell läuft. Und wenn man wenig fordert, wird noch weniger umgesetzt.“
Marlena Müller

Großunternehmen den Rücken kehren und Neues entwickeln – ist das etwas, das jungen Informatiker*innen etwas leichter fällt?

MM Schulen und Hochschulen sind schon ein großer Faktor, etwas zu bewegen. Dort lernen Menschen, wie sie einen Computer bedienen. Damals an meiner Schule hatten wir keine Microsoft-Lizenz, weil sich die Schule das nicht leisten konnte, und deswegen haben wir mit LibreOffice gearbeitet. Ich kann mit Stolz sagen, dass ich noch nie eine PowerPoint-Präsentation gehalten habe, weil ich die Software noch nie bedient habe. Wenn wir den Jüngeren zeigen, dass es auch andere Software gibt, führt das dazu, dass sie viel flexibler werden: in dem, was sie nutzen – und in dem, was sie können. Dass sie sich fragen, welche Software für ihren Use Case die beste ist. Langfristig gesehen kann entsprechend in Firmen ankommen, dass man nicht immer auf den Platzhirsch setzen muss.

FO In meiner Generation muss ich nicht groß dafür kämpfen, dass digitale Souveränität wichtig und eine Notwendigkeit für Europa ist. Ich muss aber den Kampf führen, dass eine Veränderung trotzdem modern sein soll und es nicht einfach zurück in die Vergangenheit gehen sollte – von wegen: „Früher war alles besser.“

MM Im Rahmen der Konferenz der deutschsprachigen Informatikfachschaften haben wir unsere Resolution veröffentlicht, in der wir Hochschulen und Studierendenschaften auffordern, sich mehr mit dem Thema zu befassen und mehr Open-Source-Software oder wenigstens in Europa gehostete Software von europäischen Firmen zu nutzen. Mit diesen Forderungen gehen wir natürlich relativ weit. Es ist der Konsens, dass es auf gar keinen Fall so weitergehen kann, wie es aktuell läuft. Und wenn man wenig fordert, wird noch weniger umgesetzt.

Sind die Awareness und das ­Verständnis für digitale ­Souveränität gestiegen?

MM Für mich wird zu wenig über die Nutzung von Social Media gesprochen. Sei es Mastodon, das ­Fediverse oder Ähnliches – es muss mehr Awareness dafür geben, dass man an Social Media teilnehmen kann, ohne auf Plattformen zurückzugreifen, die nicht vor politischer Einflussnahme geschützt sind.

FO Wobei man durchaus politisch von den entsprechenden Diensten fordern könnte, dass sie 100 Prozent Interoperabilität herstellen, andere Clients zulassen oder einen über verschiedene Technologien und Server verteilten Messengerdienst schaffen. Auch das wäre technisch kein Hexenwerk. In der Wirtschaft steht es um die Awareness wie im Privaten mit Versicherungen. Zunehmend lassen Firmen sich ihr Risiko beziffern: Welche Ereignisse wären es, die sie treffen könnten? In welchem Umfang? Aber dann nennen wir ihnen den Preis, um das Risiko zu minimieren, und da sagen die meisten Firmen: „Jetzt kenne ich das Risiko und gehe über zur Akzeptanz.“ Für digitale Souveränität haben sie erst dann Geld, wenn ihnen ein Dienst abgeschaltet wird. Seit Trump gewählt wurde, ist das Thema allerdings deutlich attraktiver geworden. Am Ende des Tages ist es in der Wirtschaft so: Je mehr das Risiko steigt, desto mehr Geld wird die Wirtschaft haben, es zu adressieren.

MM Auch die Politik, die Zivilgesellschaft und Organisationen bespielen das Thema seitdem wesentlich mehr und effizienter. Es ist schade, dass das ein Faktor sein muss.

Marlena Müller

hat neben ihrem Informatikstudium an der Universität Paderborn noch ein Mathematikstudium begonnen und engagiert sich in der studentischen Selbstverwaltung. Neben der Teilnahme an Ausschüssen und Gremien an der Universität ist sie seit 2024 ständiger Gast im GI-Präsidium als Vertreterin der Konferenz der Informatikfachschaften und arbeitet in unterschiedlichen Arbeitsgruppen des GI-Präsidiums mit.

Florian Oelmaier

ist CTO und Leiter der Security Group des IT-Unternehmens IS4IT. Er ist Mitglied im Expertenrat Cybersicherheit des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Autor sowie Initiator und Mitgründer der MCTTP, einer internationalen Cybersicherheitskonferenz.

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„Am Ende des Tages ist es in der Wirtschaft so: Je mehr das Risiko steigt, desto mehr Geld wird die Wirtschaft haben, es zu adressieren.“
Florian Oelmaier

Wie kann man trotz der aktuellen ökonomischen Nachteile mit ­Souveränitätszielen überzeugen?

FO Es gibt drei Stellschrauben. Zuerst muss das Risiko größer werden. Darum kümmert sich Trump. Außerdem müssen die Alternativlösungen kostengünstiger werden. Dafür muss es einerseits teurer werden, die Erstlösung in Amerika einzukaufen. Je mehr Anforderungen die großen Tech-Konzerne in puncto digitale Souveränität erfüllen müssen, desto stärker wird das umgelegt auf den Preis. Auf der anderen Seite sind wir als Informatik-Community gefragt. Wir müssen anfangen, coole, kluge Open-Source-Lösungen zu bauen, die für Unternehmen und in Schulen leicht einsetzbar und funktional sind. Damit wären sie in einer Betrachtung der Total Cost of Ownership nicht so viel teurer. Diese Stellschrauben müssen wir alle drei gleichzeitig drehen.

MM Ich denke, es gibt noch eine ­dreieinhalbe Stellschraube mehr. Man muss den Menschen auch beibringen, dass es Alternativen gibt, und die mentale Bereitschaft fördern, zu diesen zu wechseln.

Woher kommt dieses Festhalten an großen Konzernen?

FO Das passiert nicht aus heiterem Himmel. Abo-Modelle sind das Nonplusultra. Es wird gefragt, wie viele Benutzer eine Firma an sich bindet. Je mehr es sind, desto mehr ist sie wert. Solange jedes Start-up versucht, ein Modell aufzubauen, das genau das schafft, werden immer drei neue nachziehen, sobald wir eines unter Kontrolle haben. Dieses Modell ist aus Sicht der Informatik ungesund.

MM Jetzt mal ganz frech gefragt – ist deiner Meinung nach die Abschaffung des Kapitalismus die Lösung?

FO Nein, aus meiner Sicht haben wir noch kein besseres Wirtschaftsmodell. Aber der Kampf um digitale Souveränität ist auch ein Kampf von Europa um sein Modell, um seinen Weg in der Welt. Der heißt eben nicht China und auch nicht Amerika, sondern liegt dazwischen.

MM Jemand hat ja mal gesagt, dass es keine technischen Probleme gibt, sondern nur politische. Man kann es als Vorteil sehen, dass Technologie und technisches Wissen verteilt sind, weil das auch politische Vorteile mit sich bringt. Wenn man von anderen Ländern abhängig ist, führt man keinen Krieg mit ihnen. Zumindest solange sie vernünftig geführt werden. Da muss man wieder gesellschaftspolitische Fragen stellen: Was wollen wir? Wollen wir unabhängig sein von dem Rest der Welt? Oder wollen wir uns mit Absicht abhängig machen, um Einheit zwischen den Menschen zu fördern?

FO Ich bin nicht gegen Abhängigkeiten von anderen. Deutschland ist ein vernetztes und exportorientiertes Land. Globalisierung darf kein Schrecken für uns sein. Aber ich will, dass diese Abhängigkeiten wechselseitig sind und nicht einseitig.