Digitale Souveränität
oder digitale Kolonie?

Expert*innen aus Wissenschaft und Wirtschaft warnen bereits seit Längerem davor, dass wir uns auf dem Weg in eine digitale Kolonie befinden. So betonte etwa der Wirtschaftsverband BITMi Bundesverband IT-Mittelstand die wachsenden digitalen Abhängigkeiten, die ein „besorgniserregendes Ausmaß“ erreicht haben, und weist auf „konkrete Gefahren für unsere politische Selbstbestimmung“ hin.1 Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst wird ebenfalls deutlich: „Wir dürfen keine digitale Kolonie werden“, sagt der Chef des Digitalverbands zur Präsentation einer Studie, die genau das befürchten lässt.2 Diese Zukunftssorgen nehmen immer realistischere Formen an.
Auf dem Weg in die digitale Kolonie?
Der Begriff der digitalen Kolonie taucht immer wieder auf, wenn es um kritische digitale Abhängigkeit geht. Er soll deutlich machen, dass es sich hier nicht nur um ein rein wirtschaftliches Problem dreht. Die möglichen Auswirkungen auf die Existenz von Unternehmen, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, auf Steuereinnahmen, Sozialsysteme, Bildung und Forschung gehen weit darüber hinaus. „Auf dem Spiel steht nichts weniger als die deutsche und europäische Identität“, sagt Prof. Manfred Broy von der TU München. „Wenn wir unsere digitale Souveränität verlieren, verlieren wir einen wesentlichen Teil unserer kulturellen Werte und unserer Freiheit“3.
Die Verlockungen sind groß: Global agierende Cloud-Anbieter versprechen Flexibilität, Risikominimierung und Kostenersparnis – und das alles unter Einhaltung bestehender Gesetze. Doch welche Folgen hat es, wenn Unternehmen und Organisationen ihre Daten und Prozesse in die Rechenzentren dieser Dienstleister verlagern, die nicht europäischem Recht unterliegen? Den vermeintlichen kurzfristigen Vorteilen stehen bei näherer Betrachtung große Risiken gegenüber. Diese reichen von wirtschaftlicher Erpressbarkeit bis hin zur Existenzgefährdung. Nicht nur die Preise, sondern auch die Geschäftsbedingungen können einseitig geändert werden. Zudem erlaubt es die Finanzmacht großer Tech-Konzerne, viel Geld für Lobbyarbeit auszugeben, um die Gesetzgebung zu beeinflussen. Mehr als 113 Millionen Euro jährlich gibt die Digitalindustrie allein für Lobbyarbeit in Brüssel aus.4
Darüber hinaus dehnen die Tech-Konzerne ihre Marktmacht rasant auf weitere Wirtschaftssektoren wie Medien, Banken, Bezahldienste, Logistik, Gesundheitswesen5 oder Bildung aus und werden auch hier immer dominanter. Fest steht: Wir müssen sicherstellen, dass wir durch digitale Abhängigkeit nicht unsere Wettbewerbsfähigkeit, unseren Wohlstand und in der Folge unseren diplomatischen Einfluss verlieren. Ohne digitale Souveränität hat unsere Gesellschaft keine Zukunft.
Über den Autor
Prof. Dr. Harald Wehnes verfügt über 30-jährige IT- Praxiserfahrung in Wirtschaft, öffentlicher Verwaltung und Großforschung. Er lehrt am Institut für Informatik der Universität Würzburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind modernes Projektmanagement, digitale Unternehmensgrün dungen und digitale Nachhaltigkeit. Er ist Mitglied des GI-Präsidiums und Sprecher des neuen Präsidiumsarbeitskreises „Digitale Souveränität“.
Vereinte Kräfte
Der neue Arbeitskreis, der sich aus dem GI-Präsidium heraus gegründet hat, baut auf die in den vergangenen Jahren entwickelten wertvollen Arbeiten, Konzepte und Analysen zu digitaler Abhängigkeit und digitaler Souveränität auf. Vorrangig sollen konkrete Maßnahmen entstehen, die eine weitere Verstärkung der digitalen Abhängigkeit verhindern und eine Wende herbeiführen. Eine Herkules-Aufgabe, die nur mit vereinten Kräften gemeistert werden kann.
Ein zentrales Ziel des Arbeitskreises ist die Entwicklung und Umsetzung eines von Bevölkerung und Wirtschaft getragenen Aktionsplans „Digitale Souveränität – MACHEN!“ sowie die Bildung einer „Allianz für Digitale Souveränität“. Alle, die dazu beitragen wollen, sind herzlich eingeladen, sich mit ihren Ideen, ihrem Engagement und ihrer Expertise einzubringen.
Lust, dabei zu sein?
Wer im Arbeitskreis „Digitale Souveränität“ mitarbeiten möchte, wendet sich bitte per E-Mail direkt an: harald.wehnes@uni-wuerzburg.de