Offen gesagt

Vermutlich sind wir uns erst einmal einig: Open Source ist grundsätzlich eine gute Idee. Trotzdem gibt es auch Argumente, die dagegensprechen. Welche sind Ihrer Meinung nach die stärksten?
hans-joachim Popp Im Unternehmenskontext geht es häufig um viel Geld und Haftung für die erfolgreiche Umsetzung von Aufträgen in Millionenhöhe. Da darf absolut nichts schiefgehen. Um so etwas mit Open-Source-Software zu machen, bräuchte es ein viel strengeres Regime in der Releasepolitik, als dies heute in den meisten OSS-Projekten üblich ist. Wir brauchen eine viel höhere Verlässlichkeit im Lebenszyklus, gewissermaßen produktartige Eigenschaften. Dazu gehört zuerst einmal ein hohes Niveau an Kompatibilität der Versionen zueinander sowie Kontinuität bei den Interfaces zu Nachbaranwendungen, immer unter fehlerloser Fortschreibung aller Datenbestände. Im professionellen Anwendungsumfeld brauchen wir auch viel mehr Eigenschaften, die den Betreibern helfen, etwaige Fehler zu lokalisieren und die Performance zu überwachen, idealerweise mit einem übersichtlichen Dashboard. Bisher muss man das alles selbst dazustricken, obwohl die Anwendung das am besten selbst liefern könnte – würde sich nur jemand die Mühe machen, dies gleich im ersten Release einzubauen. Aus aktuellem Anlass ist die plakativste Sicherheitseigenschaft die S-BOM, also so etwas wie eine Inventarliste eines Softwareprodukts. Das muss selbstverständlich sein. Solange Open-Source-Software diese Eigenschaften nicht standardmäßig hat, kann sie mit kommerziellen Tools nicht mithalten. Das brauchen wir unbedingt!

Hans-Joachim Popp sieht einen wichtigen Hebel bei der Förderung von Open Source bei öffentlichen Auftraggebern. (© Tobias Giessen)
„Wissen über das, was Open Source bedeutet und mit sich bringt, braucht es vor allem auch auf Leitungsebene – also dort, wo langfristige strategische Entscheidungen getroffen werden.“
Hans-Joachim Popp
Manuela Urban Wunderbar, da kann ich den Ball gleich aufnehmen! Genau diese Produktisierung treibt uns aktuell im OS-Projekt Sovereign Cloud Stack um. Wir wollen hier nicht irgendwelche Softwarestückchen entwickeln, sondern direkt ein betriebsfähiges Produkt herstellen, dessen Performance für die Nutzenden auch transparent ist. Deswegen reden wir ganz viel über Produktstrategie. Und gehen dabei auch noch einen Schritt weiter, indem wir auch das Ökosystem rund um das Produkt berücksichtigen, inklusive der Lösungen von kommerziellen Unternehmen. Das gehört für mich bei Open Source dazu. Von Seiten der CIOs auf Betreiberseite kommt dann noch der Wunsch nach Haftung und Service: Das Vorurteil, dass bei Open Source kein professioneller Support zur Verfügung steht, hält sich wacker. Auf dem Gebiet gibt es aber auch noch viel zu tun.
Julian Kunkel Was ich da gerade gehört habe, sind aber auch gleichzeitig Argumente für Open Source. Denn es gibt genug kommerzielle Software, bei der ich genau dieselben Probleme habe, was Updates angeht. Und was hilft mir Haftbarkeit, wenn ein Service sechs Monate nicht funktioniert, weil der Hersteller nicht liefert? Klar könnte ich klagen und Schadenersatz geltend machen, aber am Ende bedeutet das nur noch mehr Arbeit.
LISA IHDE Zudem gibt es viele Open-Source-Projekte, die sehr gut gepflegt sind und super laufen, was Wartung und Support angeht. Anders ist das bei kleinen Projekten, die etwa aus Hackathons oder Uni-Veranstaltungen entstanden sind. Wenn da die Hauptansprechperson keine Zeit mehr hat, wird die Liste an Feature Requests schnell sehr lang. Und was ich noch ergänzen möchte, ist etwas, was ich oft im Kontext der Grafiksoftware Blender gehört habe: Dass der Einstieg in die Bedienung dieser Open-Source-Software oft schwieriger für Menschen ist, die technisch nicht so versiert sind. Im Vergleich zu proprietären Lösungen fehlt es da oft an der entsprechenden Unterstützung für Einsteiger*innen, die zum Beispiel die Arbeit mit Shortcuts nicht gewöhnt sind.

Julian Kunkel denkt lieber in Utopien als in dystopischen Szenarien. Trotzdem sieht er die Herausforderungen, die etwa föderale Strukturen mit sich bringen können. (© GWDG Goettingen)
„Eine Mentalität, die ich in der Debatte um Open Source grundsätzlich wahrnehme: Viele denken, dass etwas nur einen Wert hat, wenn da auch ein Preis draufsteht.“
Julian Kunkel
Stichwort Know-how: Sollte das Thema Open Source in der Informatik-Ausbildung eine größere Rolle spielen?
HP Nicht nur dort. Wissen über das, was Open Source bedeutet und mit sich bringt, braucht es vor allem auch auf Leitungsebene – also dort, wo langfristige strategische Entscheidungen getroffen werden. Und da gibt es heute so gut wie niemanden, die oder der kompetent beurteilen kann, welche Konsequenzen die Wahl eines bestimmten Produkts haben kann. Viele haben hier nur platte Narrative gelernt wie zum Beispiel: „Eine große Cloud ist besser als eine kleine“ oder „Ohne Cloud keine Zukunft“.
MU Wacker hält sich auch das Missverständnis, dass alle im Unternehmen zu Techies ausgebildet werden und ein vertieftes technisches Verständnis entwickeln müssen, wenn man Open Source einsetzen will. Das stimmt so nicht. Natürlich brauchen wir Fachleute, aber vor allem ist hier Marktverständnis gefragt und eine Offenheit für Open-Source-Kultur, die nun mal komplett anders ist als die klassisch hierarchische Organisation vieler Unternehmen.

Lisa Ihde hat schon während ihrer Ausbildung an zahlreichen Open-Source-Projekten mitgewirkt – die damit verbundenen Risiken sind ihr heute präsenter als damals. (© Sebastian Schulz)
„Meine Kommiliton*innen waren es, die mich an das Thema herangeführt haben. Sie haben mich dazu inspiriert, aktiv Teil der Open-Source-Community zu werden. Im Studium selbst haben wir das nur am Rande gestreift.“
Lisa Ihde
LI Und was die Ausbildung angeht: Ich erinnere mich, dass es eher meine Kommiliton*innen waren, die mich an das Thema herangeführt haben. Sie waren es, die mich dazu inspiriert haben, aktiv Teil der Open-Source-Community zu werden. Im Studium selbst haben wir das nur so am Rande gestreift.
JK Ich finde es auch wichtig, das Verständnis für Open Source gezielt zu vermitteln. Die Rolle der Entwicklerin oder des Entwicklers und die Diskussion um Finanzierungsmodelle für Open Source kommen hier oft zu kurz. Dafür gibt es auch viele kostenlose Angebote aus der Community auf YouTube und Co. Und da kommen wir zum springenden Punkt: Ich erhalte oft Anfragen von Menschen aus der Industrie, die gerne an Schulungen teilnehmen möchten. Die bieten wir auch an, aber meistens umsonst. Das irritiert viele und sie stellen sich die Frage: Was ist das dann wert? Und genau diese Mentalität nehme ich auch grundsätzlich wahr in der Debatte um Open Source. Viele denken, dass etwas nur einen Wert hat, wenn da auch ein Preis draufsteht. Und so richtig sehe ich keine Lösung für das Problem.
hp Außer wir bauen ein Abrechnungssystem?
JK Ja, ok und weiter? Wie soll das gehen? Angenommen ich sehe, dass ein Softwareprodukt total beliebt ist und häufig zum Einsatz kommt. Klar könnte ich sagen, ich biete erst mal Support gegen Entgelt dafür an. Wer diesen kommerziell nutzen will, wird zahlen, das ist absolut legitim. Aber in dem Moment, wo sich einer der Hyperscaler den Code nimmt und eine gehostete Lösung gegen teures Entgelt anbietet und so etwa gewisse Sonderfeatures nur noch closed anbietet, halte ich das für ethisch schwierig zu vermitteln, dass die ursprünglichen Entwicklerinnen und Entwickler leer ausgehen. Und es wird immer Leute geben, die sich an solchen Angeboten bereichern wollen. „Klassisch hierarchische Strukturen und Abläufe gibt es in Unternehmen genauso wie im öffentlichen Sektor. Auch sie müssen diese kulturelle Transformation hinbekommen, weil Innovationszyklen nun mal immer schneller, Anforderungen immer komplexer werden.“
HP Das stimmt natürlich. Wer hier aber einen Hebel hat, sind öffentliche Auftraggeber. Sie könnten das entsprechende Lizenzmodell als mandatorisch fordern: also nur Software nutzen, die in allen Weiterentwicklungen frei und offen bleibt.
MU Absolut. Die Marktmacht des öffentlichen Sektors ist nicht zu unterschätzen. Dahinter steckt ja nicht nur die staatliche Verwaltung, sondern auch alle öffentlich finanzierten Einrichtungen und Vorhaben. Umso wichtiger ist es, dass sich das Verständnis für die Vorteile von Open Source und die Bedeutung digitaler Souveränität durch alle Ebenen zieht. Zum Thema Bepreisung habe ich keine Lösung, aber ich sehe es als eine Chance, den Beitrag eines Unternehmens zu echter Open-Source-Entwicklung irgendwie erkennbar zu machen, sodass er bei der Auswahl durch den Kunden zum Tragen kommen kann. So wie es Greenwashing gibt, beobachte ich auch viel Open-Washing. Wenn sich Microsoft auf einer Podiumsdiskussion zur Verwaltungsdigitalisierung als Open-Source-Unternehmen bezeichnet und alle dabei nur nicken, macht mich das schon sehr stutzig. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass wir kein klares gemeinsames Verständnis davon haben, was open eigentlich bedeutet. Meine Frage an euch: Könnte es uns nicht gelingen, eine Art Label zu entwickeln, ähnlich wie ein Biogütesiegel? Daran würde man faire IT-Serviceanbieter erkennen, die einen bestimmen Teil ihrer Entwicklungsarbeit in echte Open-Source-Communities einbringen.
LI Ich finde die Idee super, denn das würde auch eine gewisse Wertschätzung schaffen. Und für mehr Transparenz sorgen.
JK Absolut! Das ließe sich ja auch an Einnahmen binden, dass etwa nur ein gewisser Prozentsatz des Gewinns an Aktionäre ausgeschüttet werden darf. Wichtig wäre mir nur, dass das Siegel umsonst ist, damit wir niemanden ausschließen und nicht eine weitere Instanz haben, die sich damit bereichern kann. Darüber würde ich gerne weiter nachdenken, vielleicht dazu mal eine dedizierte Session machen…

Auch für Manuela Urban ist die Marktmacht des öffentlichen Sektors nicht zu unterschätzen. Bei Unternehmen beobachtet sie zudem eine Entwicklung, die sich mit Greenwashing vergleichen lässt: Open-Washing. (© David Ausserhofer)
„Klassisch hierarchische Strukturen und Abläufe gibt es in Unternehmen genauso wie im öffentlichen Sektor. Auch sie müssen diese kulturelle Transformation hinbekommen, weil Innovationszyklen nun mal immer schneller, Anforderungen immer komplexer werden.“
Manuela Urban
Hans-Joachim Popp
Er verantwortet das Themenfeld Digitalisierung in der Inhouse-Beratung der Bundeswehr und unterstützt die IT-Organisation des Verteidigungsministeriums. Nebenberuflich ist er seit vielen Jahren in der IT-Politik aktiv und pflegt im VOICE e.V. die Kontakte zu Schwesterorganisationen in Europa sowie zur EU-Kommission.
Lisa Ihde
Eine der „Forbes 30 under 30“ und mehrfache Gewinnerin von Hackathons mit Open-Source-Projekten und Nutzung von Open Data: Lisa Ihde hat einen Bachelor- und Masterabschluss vom Hasso-Plattner-Institut und bereits drei Informatik-Sachbücher veröffentlicht. Neben ihrer Arbeit in der IT-Branche leitet sie deutschlandweit Programmierworkshops für Kinder und Jugendliche, um mehr Frauen für IT zu begeistern.
Manuela Urban
Sie ist COO und Co-Lead des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz geförderten Projekts „Sovereign Cloud Stack“ bei der Open Source Business Alliance, mit dem Standards, eine Referenzimplementierung und Betriebswissen für offene Cloud-Technologie entwickelt werden. Die Wahrung digitaler Souveränität und die Entwicklung von Open-Source-Governance sind ihr besondere Anliegen.
Julian Kunkel
Er ist Professor am Institut für Informatik der Georg-August-Universität Göttingen, stellvertretender Leiter GWDG – Bereich HPC und Sprecher des Arbeitskreises Open Source Software der GI. Julian Kunkel vertritt im Interview seine persönliche Meinung als Entwickler und Nutzer von Software.
Das klingt doch nach einem guten Plan! Nun nochmal zurück zu Open-Source-Kultur. Ist das etwas, was der jungen Generation leichter fällt, Frau Ihde?
LI Sagen wir mal so: Am Anfang des Studiums oder der Ausbildung ist man ja oft noch nicht so wirtschaftlich motiviert. Ich fand es einfach cool, dass ich bei meinen Projekten nicht bei null anfangen musste, sondern auf bestehender Open-Source-Software aufbauen konnte. Erst später ist mir bewusst geworden, welche Auswirkungen und Risiken das mit sich bringt. Und dieser Fokus auf die potenziell negativen Konsequenzen ist eigentlich im Laufe der Zeit nur stärker geworden.
Und wie passt der Community-Gedanke von Open Source mit den Strukturen der Bundeswehr zusammen, Herr Popp?
HP Natürlich gibt es da noch gewisse Diskussionen zwischen denen, die entwickeln, und jenen, die die Entscheidungen treffen. Das sind noch recht neue Wege, die wir da gehen. Auf der anderen Seite gehört Kreativität zum Kern der Arbeit in der Bundeswehr. Auch ein Gefecht wird in der Regel durch Kreativität gewonnen und entsprechend hands-on sind die Soldatinnen und Soldaten auch in der Softwareentwicklung unterwegs. Zudem ist der öffentliche Dienst ja der Prototyp für eine Open-Source-Community.
Inwiefern?
HP Jede Behörde ist in der Lage, für die andere Amtshilfe zu leisten. Zudem haben sie alle den Auftrag, zum Gemeinwohl beizutragen. Theoretisch könnten also alle Entwicklerinnen und Entwickler in öffentlichen Einrichtungen gemeinsam an einem Open-Source-Projekt arbeiten, das dann von allen Behörden eingesetzt wird. Ich bin mir sicher: So könnten wir in wenigen Wochen und mit wenig Geld unsere eigene Version von Office oder sogar Windows bauen. Ich weiß, das ist ein bisschen träumerisch, aber lasst mich doch mal ein bisschen träumen!
JK Ich denke auch lieber in Utopien als in dystopischen Szenarien! Aber wenn man das mal weiterdenkt, würde sich in Deutschland praktisch schnell die politische Frage stellen: Wer ist jetzt der Schirmherr dieser Software? So wie ich die aktuellen Hierarchien in der Politik wahrnehme, würde ein solches Projekt am Föderalismus scheitern. Ein gemeinnütziger Verein könnte die Lösung sein.
MU Diese klassischen hierarchischen Strukturen und Abläufe gibt es in großen Unternehmen aber genauso wie im öffentlichen Sektor. Auch sie müssen diese kulturelle Transformation hinbekommen, weil Innovationszyklen nun mal immer schneller, Anforderungen immer komplexer werden. Deswegen ist Open Source eigentlich ein Enabler, ein Beförderer. Ob Unternehmen oder Behörde, diese neue Kultur müssen sie lernen, um in Zukunft bestehen zu können.
Die Fortsetzung
Jede Person hat einen etwas anderen Blickwinkel auf Open Source: Um das Verständnis für andere Perspektiven zu fördern und so den Weg zu gemeinsamen Lösungen zu ebnen, will der Arbeitskreis Open Source Software das Thema im Workshop „oss-blick“ auf dem INFORMATIK FESTIVAL ganzheitlich betrachten. Angelehnt an die positive Kultur in Debattierklubs nehmen die Teilnehmenden in vorbereiteten Szenarien vorgefertigte Rollen ein, um verschiedene Fragestellungen zu diskutieren.