„Staat und Wirtschaft können
so viel voneinander lernen“

INTERVIEW Alexandra Resch

GI-Mitglieder fragen, der Bundes-CIO antwortet: Dr. Markus Richter, Staatssekretär im Bundesministerium des Innern und für Heimat sowie Beauftragter der Bundesregierung für Informationstechnik, hat sich den Fragen aus der Informatik-Community gestellt.

Sehen Sie das Dauerbrenner-Thema KI grundsätzlich als Ermöglicher oder eher als Bedrohung für die Cybersicherheit?
PROF. DR. EIRINI NTOUTSI

Markus Richter Für mich ist sie ganz klar Ermöglicher. KI findet statt, ist schon jetzt kaum noch wegzudenken und wir müssen sie vor allem als große Chance betrachten, Herausforderungen zu meistern – und dazu gehört ganz oben auch die IT-Sicherheit.

In IT-Angriffen und deren Verteidigung, zum Beispiel in Intrusion-Detection-Systemen, werden Machine-Learning-Algorithmen verwendet, um verdächtigen Datenverkehr zu erkennen oder Lücken in der Kommunikation zu finden. Dürfen wir in Zukunft ein Wettrüsten um die besten ML-Modelle erwarten – beziehungsweise um die Leistungsfähigkeit, diese Angriffe zu erkennen?
MANUEL WEBER

Wenn wir Angriffs- und Abwehrszenarien betrachten, ist das tatsächlich nichts Neues. Entscheidend ist, dass wir mit bester Kompetenz und den entsprechenden finanziellen Bedingungen dafür sorgen, dass wir auf dem neuesten Stand der Technik sind. Wir haben heute in den Sicherheitsbehörden sehr gute Einheiten, die auch diesbezüglich sehr gut aufgestellt sind und sehr effektiv arbeiten. Das gilt es weiterzuentwickeln.

Haben wir denn auch genügend Fachkräfte für diese Einheiten in den Behörden?
ALEXANDRA RESCH

Das Thema Fachkräfte hat für mich zwei Seiten. Zum einen müssen wir uns stetig bemühen, Menschen, die diese Expertise mitbringen, auch für den Staat zu gewinnen. Grundsätzlich haben wir da gute Chancen, weil wir mit sehr spannenden Tätigkeitsfeldern aufwarten können. Im Staat geht es eben nicht nur um Effizienzgewinne, sondern letztendlich darum, wie wir das Leben im Land verbessern können. Es gilt aber auch, mehr Effizienz zu schaffen in der Art und Weise, wie wir unser Personal einsetzen. Dafür braucht es Betätigungsfelder, in denen man gut gestalten kann, in denen aber auch sehr viel Vernetzung stattfindet sowie die nötige Spezialisierung. Und das müssen wir gerade auch im Staat noch verbessern, denn wir sind da oft zu sehr auf Inseln unterwegs. Das gilt insbesondere auch für den Föderalismus.

Warum setzt Deutschland, insbesondere in Verwaltung und Behörden, nicht viel stärker auf Open-Source-Lösungen statt auf die Microsoft-Produktpalette, wo doch hier die prominentesten Einfallstore sind?
RENÉ SCHODDER

Das ist für mich keine Frage von Entweder-oder. Klar ist, dass wir über Open Source für mehr Alternativen sorgen müssen. Und ich bin froh, dass Deutschland hier weltweit Vorreiter ist. Wir haben dieses Jahr bei den Vereinten Nationen eine große Konferenz gehostet, bei der sich die Open-Source-Communities aus der ganzen Welt getroffen haben. Zudem sind wir mit unserem Zentrum für Digitale Souveränität, aber auch dem Cyber-Attack-Fund hervorragend aufgestellt. Es gibt definitiv einige Riesenaufgaben, die noch auf uns warten, aber wir sind strukturiert an den Themen dran und brauchen uns da auch international nicht zu verstecken. Gleichzeitig bin ich überzeugt davon, dass auch große IT-Firmen zur Innovation beitragen. Dabei steht aber fest, dass wir unsere Souveränität bewahren und vor allem auch die Innovationskraft in der Zivilgesellschaft aktivieren und nutzen wollen. Und das gelingt uns über Open Source sehr gut. Wir haben eine Open-Code-Plattform, die schon sehr gut angenommen wird, auf der wir auch offenen Code zur Verfügung stellen und uns transparenter machen.

Markus Richter

ist seit Mai 2020 Staatssekretär im Bundesministerium des Innern und für Heimat sowie Beauftragter der Bundesregierung für Informationstechnik. Er ist promovierter Jurist und war zuvor unter anderem im Bundesverwaltungsamt tätig.

Wie ergänzt sich die deutsche nationale IT-Sicherheitsstrategie mit den Strategien der anderen EU-Länder? Welche gemeinsamen Bestrebungen gibt es für eine EU-weite Strategie?
BENEDIKT JUNG

Ich sehe internationale Zusammenarbeit als Must-have, wenn wir die technologische Entwicklung als Staaten selber gestalten und nutzen wollen. Die IT-Sicherheitsstrategien einzelner EU-Mitgliedsstaaten sind noch allzu oft isoliert für sich erarbeitet worden. Interoperabilität und ein engeres Zusammenwachsen von IT-Lösungen brauchen einheitliche Standards und ein abgestimmtes Vorgehen bei der IT-Sicherheit. Deutschland hat eine Initiative für ein gemeinsames Board der CIOs der EU-Mitgliedsstaaten ergriffen, um die Abstimmung zu verbessern. Das Ganze firmiert unter dem Dach des Interoperabilitäts-Rechtsaktes. Die erste konstituierende Sitzung wird noch dieses Jahr sein. Mir geht es bei dieser Initiative darum, dass wir die Themen Standards und IT-Sicherheit gemeinsam bearbeiten, aber auch Themen wie Open Source, Cloud Computing und künstliche Intelligenz. Viele Mitgliedstaaten stehen bei diesen Themen noch am Anfang, da können wir – vielleicht nur – gemeinsam gut vorankommen. Es freut mich, dass die Initiative eine breite Unterstützung bei den Mitgliedstaaten gefunden hat.

Wenn Sie sich eine Sache wünschen könnten, die wir Unternehmens-CIOs tun sollten, um Sie zu unterstützen – was wäre das?
RALF OESTEREICH

Was ich mir wünschen würde, hat zwei Dimensionen. Die eine betrifft vor allem Unternehmen mit kritischer Infrastruktur wie etwa Stromversorgung. Dort ist es mir natürlich besonders wichtig, dass in die Cybersicherheit gut investiert wird und das Thema auch wirklich ernst genommen wird. Wir sind aktuell auch mit einigen solchen Unternehmen im Austausch, weil wir den Rechtsrahmen novellieren und neue Anforderungen formulieren. Hier ist es wichtig, dass wir eng zusammenarbeiten, auch mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, kurz BSI. Zum anderen wünsche ich mir von allen in diesem Bereich Tätigen Offenheit: Denn wir können so viel voneinander lernen. Ich bin mit vielen, insbesondere Chief Security Officers, im Gespräch und tausche mich mit ihnen auch über Tools und Erfahrungen aus. Diese Offenheit braucht es, um engere Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft zu ermöglichen. Und die ist sehr wichtig, weil auch alles immer stärker miteinander vernetzt ist.

Ein großes Problem der Cybersicherheit, nicht nur in Unternehmen, sondern auch in Behörden, ist das zu langsame und ungenügende Patchen von bekannt gewordenen Sicherheitslücken. Liegt dies an unzureichenden Ressourcen? Was muss passieren, damit Behörden schnellstmöglich Updates installieren?
LINDA SCHWARZ

Ich halte das tatsächlich für das größte IT-Sicherheitsproblem, vor dem wir aktuell stehen. Viele der Angriffe, die wir erleben mussten, hätten wir durch rechtzeitiges Patchen der Schwachstellen vermeiden können. Daher brauchen wir zum einen Awareness. Es kann nicht sein, dass die IT-Sicherheit immer noch an vielen Stellen eine nachgeordnete Rolle spielt. Wir sind gerade dabei, mit einer Gesetzesnovellierung, NIS2, Sicherheitsbeauftragte zu stärken und die Verantwortung auf Leitungsebene zu verankern. Wir müssen aber auch enger zusammenarbeiten. Dabei spielt das BSI eine wichtige Rolle, um alle Beteiligten schnell zu informieren.

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