Commit für das Gemeinwohl

In Deutschland setzen Millionen Bürger*innen, Tausende Unternehmen und selbst die Bundesregierung täglich auf kostenlose Open-Source-Software. Ein aktuelles Beispiel: Das ITZBund hat beschlossen, künftig alle Bundeswebsites auf das kostenfreie Content-Management-System TYPO3 umzustellen.
Open-Source-Software bildet heute das Fundament weiter Teile unserer digitalen Infrastruktur – in Verwaltung, Wirtschaft, Forschung und im privaten Alltag. Auch im aktuellen Koalitionsvertrag der Bundesregierung wird sie ausdrücklich als zentraler Baustein für digitale Souveränität benannt. Bund, Länder und Kommunen profitieren in erheblichem Umfang von Open-Source-Software und sparen dadurch jährlich Millionenbeträge an Lizenzkosten. Besonders deutlich wird dies im Vergleich zwischen Bundesländern. Während Schleswig-Holsteins Landesverwaltung auf Open-Source-Software umstellt, schließt Bayern im Rahmen der neuen Digitalstrategie eine Zusatzvereinbarung mit Microsoft ab, sodass ein Budget von nahezu einer Milliarde Euro direkt an den Technologie-Konzern aus den USA vergeben wird.
Den meisten Menschen bleibt jedoch verborgen, wie allgegenwärtig Open Source tatsächlich ist. Sie arbeitet im Hintergrund von Video- und Audio-Streaming-Diensten, steuert Ticketautomaten im öffentlichen Nahverkehr, betreibt unzählige Websites und ermöglicht viele digitale Services, die wir selbstverständlich nutzen.
Trotz dieser enormen gesellschaftlichen Bedeutung wird die Arbeit Tausender Freiwilliger in Deutschland bislang weder steuer- noch förderrechtlich als gemeinnützige Tätigkeit – und damit nicht als Ehrenamt – anerkannt.
Gleichzeitig gelten Tätigkeiten in Karnevals-, Schützen- oder inzwischen auch E-Sport-Vereinen als gemeinnützig (§ 52 AO). Dass die Entwicklung und Pflege zentraler digitaler Infrastruktur hiervon ausgenommen sind, wirkt vor diesem Hintergrund mindestens erklärungsbedürftig.

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Über den Autor
Boris Hinzer ist seit mehr als 20 Jahren aktiver Open-Source-Contributor in der TYPO3-Community. In verschiedenen Teams und Gremien hat er maßgeblich an der Weiterentwicklung und Verbreitung von TYPO3 mitgewirkt. Seit 2015 ist er Mitglied des Vorstands der TYPO3 Association, seit 2023 deren Vizepräsident. Auch als Geschäftsführer der Webagentur web-vision engagiert er sich für Open Source, indem er Entwicklungen finanziell unterstützt und Mitarbeitenden ermöglicht, sich im Rahmen ihrer Arbeitszeit an freien Open-Source-Projekten zu beteiligen. Zudem startete er eine Petition zur Anerkennung von Open-Source-Arbeit als Ehrenamt in Deutschland.
Eine nahezu verpasste Chance
Andere Länder – allen voran die USA – schaffen seit Jahren gezielt rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen, um den Standort für Unternehmen, Dienstleistende und freiwillig Engagierte im Open-Source-Umfeld attraktiv zu machen. Open Source wird dort nicht nur als technisches, sondern als strategisches und wirtschaftspolitisches Thema verstanden.
Vor diesem Hintergrund ist es kein Zufall, dass viele internationale Tech-Konzerne ihren Hauptsitz in den USA haben und dort eigene Open-Source-Programme oder -Tochterorganisationen betreiben. Auch unabhängige, dedizierte Open-Source-Stiftungen wie die Apache Software Foundation haben sich bewusst in den USA angesiedelt – nicht zuletzt aufgrund klarer rechtlicher Rahmenbedingungen und steuerlicher Vorteile.
Aufruf zur Veränderung
Eine neue Petition fordert, Open-Source-Arbeit in Deutschland offiziell als ehrenamtliche Tätigkeit anzuerkennen. Würde die geforderte Änderung umgesetzt, stünde das digitale Ehrenamt künftig gleichberechtigt neben etablierten Formen freiwilligen Engagements wie Jugendarbeit, Rettungsdiensten oder Tätigkeiten in Bürgervereinen. Anerkannt würde damit, dass Beiträge in Form von Code, Dokumentation, Übersetzungen, Sicherheitskorrekturen oder Community-Support für die Gesellschaft einen ebenso hohen Wert haben wie klassische Formen der Offline-Freiwilligenarbeit.
Eine rechtliche Anerkennung hätte mehrere unmittelbar wirksame Konsequenzen. So könnten Aufwandsentschädigungen künftig steuerfrei im Rahmen der Ehrenamtspauschale (derzeit 840 Euro jährlich) oder der Übungsleiterpauschale (3.000 Euro jährlich) gewährt werden. Gleichzeitig hätten Open-Source-Projekte deutlich bessere Chancen, als gemeinnützig im Sinne des § 52 der Abgabenordnung anerkannt zu werden – sodass Spendenquittungen ausgestellt und Zuwendungen rechtssicher eingeworben werden könnten.
Auch in Haftungsfragen ergäben sich spürbare Verbesserungen. Entwickler*innen könnten – analog zu Vereinsvorständen – unter den Schutz des § 31a BGB fallen und damit bei fahrlässigen Pflichtverletzungen haftungsrechtlich privilegiert werden. Darüber hinaus ließen sich projektbezogene Kosten rechtssicher erstatten, ohne dass diese als steuerpflichtiges Einkommen gelten müssten.
Die Challenge: Raus aus der Tech-Bubble
Die Initiative sucht gezielt den Dialog mit der Wissenschaft, um das Thema im Kontext von Lehre, Ausbildung und gesellschaftlicher Verantwortung mit Studierenden zu diskutieren. Dennoch bleibt eine zentrale Herausforderung bestehen: das Anliegen über die Tech-Community hinaus sichtbar zu machen und auch nicht technikaffine Bürger*innen zu erreichen.
Gerade deshalb ist breite Unterstützung gefragt – von Medien, Influencer*innen, Multiplikator*innen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Auch die Mitglieder der GI sind hier ausdrücklich angesprochen: als Fachcommunity, die nicht nur technologische Kompetenz, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung trägt.
Open Source ist Gemeinschaft die von der Mitarbeit Tausender Freiwilliger lebt. Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass politische Entscheidungsträger*innen erkennen, was in der Fachwelt längst Konsens ist: Open-Source-Arbeit ist ehrenamtliche Arbeit – und sollte als solche auch anerkannt werden.