Es gibt nicht nur
eine Version der Zukunft

INTERVIEW Alexandra Resch

Seit 2026 ist Martin Wolf Präsident der Gesellschaft für Informatik. Im Interview spricht er über seine Anfänge bei der GI, seine Pläne für ihre Zukunft und die Frage, warum Gemeinschaft wieder en vogue ist.

Wie bist du eigentlich zur GI gekommen?

MARTIN WOLF: Ganz klassisch: Ich habe an einem Lehrstuhl gearbeitet und dort meine Diplomarbeit geschrieben. Und im Zuge dessen wurde mir schnell klar, dass ich in der GI an die richtigen fachlichen Kontakte ­komme. Das war damals – wie auch heute – die große Stärke der GI: Zu ­allen Themen, die in der Wissenschaft relevant sind, gab es eine Fachcommunity, mit deren Hilfe man tiefer in das jeweilige Gebiet ­einsteigen konnte. Ich habe über die Fachgruppe CSCW genau die Kontakte bekommen, die ich gebraucht habe: Das hat mir insbesondere bei meiner Promotion sehr geholfen. Dieser ­Austausch hat mich wirklich beflügelt

Tauschst du dich noch manchmal mit den Menschen aus, die du in dieser Zeit kennengelernt hast?

Der Kontakt ist lose, aber klar, die Fachgruppe gibt es ja nach wie vor. Während ich in die Industrie ­gewechselt bin, haben viele von damals eine akademische Laufbahn eingeschlagen. Und manchmal, wenn ich dann über eine Koryphäe auf dem Fachgebiet lese, fällt mir auf: Ja stimmt, die ­kenne ich noch von damals! Das ist toll zu sehen, daran merke ich aber auch, wie lang ich schon Teil der GI bin.

Hat sich die GI verändert, seit du beigetreten bist?

Damals brauchte man noch zwei ­Empfehlungen, um überhaupt ­beitreten zu dürfen. Die Botschaft war also: Hier kommt nicht jeder rein. Heute ist das eigentlich genau umgekehrt. Wir freuen uns über alle, die dazukommen und neue Perspektiven einbringen.

 

Hältst du es für ein Problem, dass es diese Exklusivität nicht mehr gibt?

Zur damaligen Zeit war das schon smart, weil diese Empfehlungshürde natürlich immer auch das Interesse weckt. Aber wenn diese Exklusivität das einzige Zugpferd ist, ist das nicht nachhaltig. Ich denke, wir sollten eher über Inhalte glänzen und fachlich überzeugen, statt auf solche ­Marketingmechanismen zu setzen. Das heißt aber nicht, dass wir nicht mehr auf Empfehlungen setzen sollten.

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Ich beobachte, dass es generell wieder mehr im Trend liegt, sich einer Gesellschaft, einer Gemeinschaft anzuschließen – gerade weil es immer häufiger passieren wird, dass wir nicht mit Menschen, sondern mit Bots zusammenarbeiten.
Martin Wolf

Inwiefern?

Niemand kann die GI besser empfehlen als ein GI-Mitglied. Und egal, mit wem ich mich unterhalte: Jedes Mitglied hat andere Gründe, Teil unserer Fachgesellschaft zu sein, und nennt mir andere Highlights aus der Mitgliedschaft. Wenn die Leute wüssten, was innerhalb der GI alles läuft, würden vermutlich viel, viel mehr mitmachen.

Wie stehst du zu dem Vorwurf, die GI würde etwas im Elfenbeinturm sitzen?

Nun ja, es stimmt natürlich, dass sich unter unserem Dach eine große Wissen­schafts-Community versammelt. Für alle, die eine akademische Karriere anstreben, ist das immens hilfreich. Gleichzeitig gibt es auch viele Gremien, in denen sich vor allem Menschen aus der Praxis austauschen. Für mich ist das aber keine Frage von entweder-oder, für mich ist das ein Sowohl-als-auch. Denn Elfenbeinturm hin oder her: Wo es hakt, ist der Transfer. Den Mehrwert, den die GI auch außerhalb der Akademia bieten kann – der wird noch nicht ausreichend umgesetzt.

Ist das etwas, was du im Laufe ­deiner Präsidentschaft ­angehen willst?

Definitiv! Es geht mir dabei auch nicht darum, jedes Fachthema, das die Wirtschaft gerade bewegt, in der notwendigen Geschwindigkeit zu bedienen. Da gibt es andere User Groups, die sehr viel schneller agieren können. Unser Alleinstellungsmerkmal ist und bleibt die Community. Mein Ziel ist es, die vielen guten Ideen und Impulse, die in unseren Gremien entstehen, etwas direkter in die Wirtschaft zu tragen und mit Menschen aus der Praxis zu diskutieren. Das ist für beide Seiten hilfreich.

Wie kann das gelingen?

Es gibt ja bereits viele Menschen in der GI, die die wirtschaftliche Perspektive kennen. Was wir meines Erachtens besser machen könnten, ist, besser mit der Wirtschaft zu interagieren: Was sind konkret die Anforderungen, die Innovationen erfüllen müssen, um überhaupt auf dem Markt bestehen zu können? Diesen Transfer sollten wir von Anfang an mitdenken. Dann gelingt es uns auch besser, Innovationen zu schaffen, die nicht nur in der Wissenschaft von Bedeutung sind – und die die Aufmerksamkeit der Wirtschaft gewinnen.

Gibt es noch weitere Gruppen, deren Aufmerksamkeit dir besonders wichtig wäre?

Das sind zum einen natürlich alle, die Informatik studieren, oder jene, die sich in einer Informatik-Ausbildung befinden – und dann die ganze Bandbreite der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Professionals bis hin zur Professur und zur Vorstandsetage. Aber ich möchte auch gerne jene Menschen erreichen, die einfach nur Interesse an der Informatik haben. Auch ihnen haben wir viel zu bieten!

Wie stehst du zu diesen großen Veränderungen, die wir aktuell ­erleben? Macht dir das Sorgen – oder siehst du es als Chance?

Ich kann mich nicht erinnern, je eine solche Transformationsgewalt erlebt zu haben, wie wir sie aktuell durch KI erleben. Schon jetzt gibt es in meinem Umfeld gut ausgebildete Menschen, denen gekündigt wird oder die erst gar keine Stelle finden. Das ist schon angsteinflößend. Aber wie heißt es so schön? Es gibt nicht nur eine Version der Zukunft. Es liegt an uns, die richtigen Wege zu ebnen.

Wie gehen wir das an?

KI ist nicht per se gut oder schlecht. Es sind die konkreten Anwendungsfälle, die wir uns genauer anschauen ­müssen. Wenn KI zum Beispiel als Waffe oder für Überwachung eingesetzt werden soll, braucht es klare und konsequente Regulierung. Diese ­müssen wir mit unserer informatischen Expertise aktiv mitgestalten und somit sicherstellen, dass wir der Entwicklung dort Grenzen setzen, wo sie gebraucht werden. Und umgekehrt können wir auch viel dazu beitragen, positive ­Anwendungsfälle in die Breite zu ­bringen. Hier ist es wichtig, immer den Nutzen in den Vordergrund zu stellen. Grundlagenforschung und ­Erkenntnisgewinn sind dafür ­natürlich sehr wichtig, aber wir ­müssen auch diese ­Übersetzung schaffen: Was kann man damit Gutes tun?

Prof. Dr. Martin Wolf

ist seit 2011 Professor für „IT Organisation & Management“ an der FH Aachen und Direktor des Instituts für Digitalisierung Aachen (iDA) der FH Aachen. Davor war er lange in der Industrie tätig, unter anderem im Bereich IT Advisory bei Ernst & Young und IT Audit bei der Deutschen Post DHL. 2014 gründete er zusammen mit Partnern das Unternehmen snacc-it und ist bis heute als Geschäftsführer für dessen strategische Ausrichtung zuständig. Martin Wolf ist seit 1996 Mitglied in der GI. Er war Sprecher des Präsidiumsarbeitskreises „Stärkung der GI“, Mitglied im Präsidiumsarbeitskreis „Struktur“ und GI-Vize­präsident von 2022 bis 2025. 2026 hat er die GI-Präsidentschaft übernommen.

Eine wichtige Frage. Muss man die Antwort darauf auch in puncto Informatikstudium neu denken?

Auf jeden Fall. Denn wir brauchen eine kompetente neue Generation, die ­genau diese Arbeit, die wir jetzt ­anstoßen, weiterführt. Aktuell wird in der GI an einem neuen Curriculum für das Informatikstudium gearbeitet, das meines Erachtens in eine sehr, sehr gute Richtung geht, weil es die Art der Lehre noch mal ein Stück weit auf den Kopf stellt. Das Studium sollte sich in Zukunft weniger um Kompetenzen und mehr um Denkweisen drehen. Die große Herausforderung ist natürlich, dass wir bei der Entwicklung immer weit vorausdenken müssen. Es ist nicht einfach, sich vorzustellen, was Absolventinnen und Absolventen in zehn Jahren können müssen.

Vor ähnlichen Herausforderungen stehen ja auch alle, die Informatik in Schulen unterrichten …

Absolut. Was ich in diesem Kontext richtig klasse finde, sind die Zahlen des Informatik-Bibers der Bundesweiten Informatik-Wettbewerbe. Das Team vermeldet 600.000 Anmeldungen pro Jahr, ­Tendenz steigend. Ein großartiger Weg, um bereits junge Menschen für unsere Disziplin zu begeistern. Die Botschaft, die mir dabei wichtig ist: Informatik ist Kulturwissen, eine Kulturkompetenz. Also übersetzt: Wer sich früh mit Informatik beschäftigt, kann später besser die Zusammenhänge verstehen, die unser Leben prägen. Vor diesem Hintergrund finde ich es richtig toll, dass sich in der GI auch so ein starkes Netzwerk an Informatik-Lehrkräften entwickelt hat.

Netzwerk ist ein gutes Stichwort. Vorhin hattest du es auch Community genannt. Wie stellen wir sicher, dass sich diese Gemeinschaft innerhalb der GI nachhaltig entwickelt?

Das liegt für mich auf der Hand: Wir müssen dafür sorgen, dass die Zahl unserer Mitglieder steigt. Das gibt uns das nötige Gewicht, um uns in gesellschaftliche und politische Debatten einzubringen. Und ich glaube, die Zeit spricht für uns. Ich beobachte, dass es generell wieder mehr im Trend liegt, sich einer Gesellschaft, einer Gemeinschaft anzuschließen – gerade weil es in unser aller Arbeitsumfeld immer häufiger passieren wird, dass wir nicht mit Menschen, sondern mit Bots zusammenarbeiten. Sich in diesen Zeiten auf Augenhöhe mit Fachleuten unterhalten zu können, offen über Sorgen und Probleme, aber auch technologische Entwicklungen zu sprechen – das ist ein großer Mehrwert, den die GI bieten kann.