Software first

Text Christine Regitz

Digitalisierung ist in Deutschland ein Thema, um das man nicht mehr herumkommt. Gut so. Doch was eigentlich dahintersteckt, bleibt oft unscharf. Während KI, Cloud oder Industrie 4.0 in aller Munde sind, wird die Grundlage all dieser Entwicklungen weiterhin unterschätzt: ­Software. Beim Versuch, das zu ändern, kommt der Informatik-­Community eine Doppelrolle zu: Sie entwickelt die Software nicht nur, sie muss sich auch dafür einsetzen, ihre Bedeutung sichtbar zu machen, ihre ­Qualität zu sichern und zu zeigen, wie zentral Software für die Zukunft von ­Unternehmen, ­Verwaltung und Gesellschaft ist.

Als Fundament der digitalen Transformation revolutioniert Software im 21. Jahrhundert die Art und Weise, wie wir leben, arbeiten, kommunizieren. Viel zu oft wird heute deutlich: Wer die Software kontrolliert, kontrolliert den digitalen Markt. Doch Investitionen und politische Aufmerksamkeit fließen in Deutschland weiterhin primär in Hardware und Fabriken. Das greift zu kurz.

In anderen Ländern ist Softwareentwicklung längst als strategische Priorität verankert, was mit entsprechenden Investitionen einhergeht. So wurden etwa in den USA 2024 deutlich mehr Ressourcen in Software und digitale Technologien gesteckt als in jedem anderen Land – und etwa 16-mal so viel wie in Deutschland.1 Indien baut mit Initiativen wie Digital India und offenen digitalen Plattformen systematisch digitale Ökosysteme für Volkswirtschaft und Verwaltung auf, die über Software vernetzt sind und lokale Unternehmen stärken. In der EU gibt es zwar mit der Sovereign Tech Agency erste Ansätze, aber diese gehen noch nicht weit genug.

Denn: Mit Geld allein ist das Problem nicht gelöst. Software ist kein Selbstzweck. Sie muss zuverlässig, sicher, wartbar, rechtskonform und so barrierearm gestaltet sein, dass sie auch von Menschen mit Behinderungen sowie von Nutzenden mit unterschiedlichen sprachlichen, kognitiven oder technischen Voraussetzungen zuverlässig bedient werden kann. Professionelle Softwareentwicklung ist die Voraussetzung dafür, dass digitale Systeme skalieren und ­langfristig funktionieren.

Kurzfristige Lösungen, fehlende Sicherheitskonzepte oder unklare Verantwortlich­keiten führen nicht nur zu gescheiterten Projekten, sondern können ganze Organisationen handlungsunfähig machen. In einer zunehmend digitalisierten Welt wird Software damit zur kritischen Infrastruktur einer digitalisierten Wirtschaft. Politik, Unternehmen und Führungskräfte müssen daher erkennen, dass Investitionen in Software nur dann Wirkung entfalten, wenn zugleich die Qualität der Entwicklung ernsthaft gesteigert wird.

Mein Appell richtet sich aber nicht nur an Politik und Industrie, sondern vor allem an die Informatik-Community. Wer Software entwickelt, betreibt oder verantwortet, trägt Mitverantwortung dafür, wie Organisationen entscheiden und welche digitalen Abhängigkeiten entstehen. Dieses Wissen darf nicht auf reine Programmierkenntnisse beschränkt oder an „die IT“ delegiert werden. Wenn wir nicht vermitteln, welche zentrale Rolle Software spielt, werden andere über sie entscheiden – oft ohne sie zu verstehen. Wir als Informatiker*innen müssen deutlich machen, dass Software das Fundament digitaler Dienste, Plattformen und Geschäftsmodelle bildet und Qualität, Sicherheit und Offenheit keine Zusatzoptionen sind, sondern strategische Voraussetzungen. Die Community muss ihre Stimme erheben, ­Zusammenhänge erklären und Software als ­zentrale Ressource verteidigen, auch dann, wenn das bestehende Denkweisen infrage stellt.

Ein Beispiel: Wenn in einem Unternehmen ein KI-System eingeführt wird, bedeutet das nicht nur eine Entscheidung über Algorithmen, sondern auch über Prozesse, Machtverhältnisse und Abhängigkeiten. Wer Software für Verwaltung oder Unternehmen einkauft und ihre Architektur festlegt, entscheidet darüber, ob Organisationen langfristig abhängig oder digital souverän werden. Wenn Sicherheitsanforderungen aus Zeitgründen „später“ ­berücksichtigt werden, entstehen Risiken, die andere ­ausbaden müssen.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist der Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis: Start-ups spielen eine Schlüsselrolle, indem sie wissenschaftliche Innovationen in skalierbare Produkte überführen und so die Chancen von Software als strategischen Faktor voll ausschöpfen. Ein besserer Transfer von zukunftsfähiger Software aus Wissenschaft und Forschung in Ausgründungen für die Digitalwirtschaft kann Hand in Hand funktionieren. Der Staat sollte hier auch als Ankerkunde und Innovationstreiber Verantwortung übernehmen und Software-Start-ups mit öffentlichen Aufträgen fördern – und damit gleichzeitig in die eigene digitale Souveränität investieren.

Dass Software eine so zentrale Rolle einnimmt, reicht zudem über einzelne Projekte hinaus: Sie muss als strategischer Produktionsfaktor verstanden werden, vergleichbar mit Kapital, Energie oder qualifizierten Fachkräften. Damit Software ihr Potenzial entfalten kann, sind massive Investitionen in Kompetenzen, kontinuierliche Weiterbildung, klare Willkommenskultur für internationale Talente und Förderung von Diversität im IT-Sektor entscheidend. Zudem müssen Fachkräfte nicht nur programmieren können, sondern die Zusammenhänge verstehen und Innovationen vorantreiben können. Informatische Bildung auf allen Ebenen – spätestens ab der 5. Klasse für alle verpflichtend, wie es die Allianz für informatische Bildung fordert – ist die Grundlage dafür, dass Deutschland Software ernsthaft beherrschen und für die Zukunft mitgestalten kann.

Software First zu denken, bedeutet nicht, bestehende industrielle Stärken aufzugeben. Im Gegenteil: Deutschlands ingenieurwissenschaftliche Tradition ist eine hervorragende Ausgangsbasis. Doch sie muss um exzellente Softwareentwicklung ergänzt werden. Erst dann entstehen Produkte und Dienstleistungen, die auch in einer digitalen Wirtschaft wettbewerbsfähig sind. Lassen Sie uns Software nicht mehr als Randnotiz der Digitalisierung sehen, sondern als ihr Fundament!

Get involved!

Alle Updates zur Initiative gibts hier:

https://gi.de/aktuelles/projekte/software-defined-germany