FACHARTIKEL
Für eine goldene Mitte

Am 24. März 2023 haben sich mehr als 700 Mitglieder des akademischen Mittelbaus, Professor*innen und Unterstützer*innen vor dem Bundesforschungsministerium in Berlin versammelt. Sie forderten bessere Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft und protestierten gegen einen Gesetzentwurf für eine Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG). Das ist nun zwei Jahre her. Seitdem hat sich viel getan – oder?
Der Beirat Junge Wissenschaft hat in der zweiten Jahreshälfte 2023 eine Umfrage durchgeführt, mit der 863 Personen aus dem akademischen Mittelbau erreicht wurden. Besonders stark vertreten waren Teilnehmer*innen aus der Informatik (n=465). Die Fragen drehten sich um demografische Merkmale und die aktuelle Beschäftigung. Aber auch zu persönlich erlebten Herausforderungen in der aktuellen Qualifizierungsphase konnten sich die Befragten äußern. Zudem konnten sie ihre Einschätzung zu zielführenden Lösungsvorschlägen geben, die die Situation des wissenschaftlichen Mittelbaus und des Promotionsstudiums verbessern könnten.
Durchschnittliche Mittelbauangehörige sind zwischen 25 und 34 Jahre alt und arbeiten als Doktorand*innen. Mit bis zu fünf Jahren Erfahrung auf der aktuellen Qualifikationsstufe sind sie häufig drittmittelfinanziert und haben befristete Verträge von zwei bis drei Jahren. Ihr Ziel ist meistens eine Karriere in der Wissenschaft, sei es an Universitäten, Hochschulen, Forschungseinrichtungen oder in der freien Wirtschaft. Eine weitere Erkenntnis: Die Befragten sind in der Regel nicht Mitglied der Gesellschaft für Informatik.
Der akademische Mittelbau in Deutschland
umfasst wissenschaftliche Mitarbeiter*innen wie Doktorand*innen, Postdoktorand*innen, Lehrkräfte für besondere Aufgaben, Akademische Rät*innen sowie Junior- und Tenure-Track-Professor*innen. Diese Rollen sind zwischen studentischer Hilfskraft und Professur angesiedelt und verbinden Forschung, Lehre und administrative Aufgaben. Häufig durch befristete Verträge und hohe Anforderungen geprägt, bildet der Mittelbau das zentrale Bindeglied für den wissenschaftlichen Betrieb an Universitäten.
Die Mehrfachbelastung von wissenschaftlichen Mitarbeitenden wurde eindeutig als Herausforderung identifiziert. 59 Prozent der Befragten empfanden das parallele Mitwirken an Forschung, Lehre und Drittmittelprojekten als problematisch. 54 Prozent gaben an, dass der tatsächliche Zeitaufwand den vertraglich vereinbarten überschreitet. Ebenso kommt ein Großteil der Befragten zu der Einschätzung, dass die Länge des aktuellen Arbeitsvertrags nicht zur Dauer der Qualifizierungsphase passt. Hingegen wurde das Verhältnis zur Betreuungsperson sowie die Sicherstellung der Finanzierung als eher unproblematisch bewertet. Auf die Frage nach Lösungsansätzen forderten die Befragten angemessene Vertragslaufzeiten, weniger Stress und mehr unbefristete Stellen: Aspekte also, die direkt auf die von ihnen erlebten Herausforderungen abzielen. Innerhalb der Gruppe der Doktorand*innen wurden insbesondere folgende Maßnahmen als zielführend zur Entspannung der Situation angesehen: die Möglichkeit, an wissenschaftlichen Konferenzen teilzunehmen, eine frühzeitige Abstimmung des primären Forschungsprojekts (gegebenenfalls mit Festlegung von Meilensteinen), die Begrenzung von Zusatzbelastungen sowie ein aktives und regelmäßiges Mentoring durch die betreuende Person.
Klare Positionierung
Parallel zur Umfrage hat der Beirat Junge Wissenschaft gemeinsam mit dem GI-Vorstand ein umfassendes Positionspapier erarbeitet. Angestoßen durch eine frühere
Umfrage des Beirats im Jahr 2021, Initiativen wie #IchbinHannah sowie die anfangs beschriebenen Proteste formuliert das Papier 15 zentrale Maßnahmen zur Verbesserung der Situation im akademischen Mittelbau aus der Sicht der Informatik.
Diese Maßnahmen umfassen fünf zentrale Handlungsfelder:
Sicherstellung langfristiger Finanzierung – unter anderem durch die Schaffung zusätzlicher unbefristeter Stellen. Stichwort: Dauerstellen für Daueraufgaben
Nachhaltige Reform des WissZeitVG – über eine bloße Anpassung der Befristungshöchstdauer hinaus, etwa durch die bereits von anderen Initiativen geforderte Einführung einer Befristungshöchstquote für Arbeitgeber
Schaffung von transparenten Karriereperspektiven – beispielsweise durch eine verstärkte Einführung von Tenure-Track-Stellen
Stärkung der Rechte von Promovierenden – etwa durch verbindliche Promotions- und Betreuungsvereinbarungen
Gewährleistung der Vereinbarkeit von Privatleben und wissenschaftlicher Karriere

Ein Drittel der Teilnehmenden ( 34 %) gab an, sich in einem prekären Beschäftigungsverhältnis zu befinden.
Der Beirat Junge Wissenschaft der GI
beschäftigt sich mit dieser ambivalenten Realität des akademischen Mittelbaus. In einer groß angelegten Umfrage stellt er die Frage: Wie steht es um die Zufriedenheit im akademischen Mittelbau und welche Herausforderungen bestehen? Zudem erarbeitet der Beirat in einem umfassenden Positionspapier zusammen mit dem Vorstand der GI zentrale Maßnahmen zur Verbesserung der Situation im akademischen Mittelbau aus der Sicht der Informatik. Für die Anliegen des akademischen Mittelbaus hat der Beirat stets ein offenes Ohr. Wer mitmachen oder eigene Ideen konkret umsetzen möchte, kann sich gerne per E-Mail (juwi@gi.de) melden oder Teil der Community auf dem frisch eingerichteten Discord-Server werden.
juwi.gi.de
discord.gg/wxbFyQsqP8
Die aktuelle Befragung wurde mit mehr als doppelt so vielen Teilnehmenden (863 gegenüber 379) durchgeführt wie die erste Befragung des Beirats in 2021. Zwar gibt es punktuelle Unterschiede, das Gesamtbild ist jedoch weitgehend ähnlich geblieben. Bemerkenswert ist, dass der Anteil der Befragten, die angaben, in einem prekären Arbeitsverhältnis zu stehen, deutlich zurückgegangen ist (34 Prozent gegenüber 55 Prozent in 2021). Dennoch stehen Mehrfachbelastungen und
Überstunden nach wie vor an erster Stelle der Belastungsfaktoren.
Das Positionspapier enthält bereits Vorschläge für wichtige Schritte und Maßnahmen, um den aktuellen Herausforderungen von Jungwissenschaftler*innen zu begegnen. Klar ist aber auch: Die Dynamik gesellschaftlicher, ökonomischer und technologischer Entwicklungen erfordert eine fortlaufende Anpassung und Erweiterung dieser Forderungen. Die vorgestellten Punkte stellen eine Basis dar, auf der weiter aufgebaut werden muss, um nicht nur auf gegenwärtige, sondern auch auf zukünftige Herausforderungen adäquat reagieren zu können. Um das Stimmungsbild langfristig im Blick zu behalten und fundierte Erkenntnisse für zukünftige Maßnahmen zu gewinnen, wird der Beirat die Studie regelmäßig wiederholen. Denn auch wenn es mitunter herausfordernd ist, lohnt es sich für alle Beteiligten, die Situation der jungen Wissenschaft zu verbessern, nicht zuletzt für diejenigen, die selbst im Mittelbau arbeiten. Denn diese Arbeit bietet auch viel Raum für Kreativität, wissenschaftliche Freiheit und die Gestaltung von Zukunftsthemen.
Über die Autoren
Dr. Marc Ohm ist Akademischer Rat in der Informatik, insbesondere Cybersecurity, an der Universität Bonn sowie Senior Researcher am Fraunhofer FKIE. In der GI engagiert er sich als Sprecher des Beirats Junge Wissenschaft, organisiert in Zusammenarbeit mit der Fachgruppe SIDAR den Graduierten-Workshop SPRING und ist GI-Botschafter der Universität Bonn.
Prof. Dr. Tobias Huber ist Nachwuchsprofessor für menschzentrierte künstliche Intelligenz an der Technischen Hochschule Ingolstadt. Innerhalb der GI ist er Mitglied des Beirats Junge Wissenschaft und agierte bis Anfang 2025 als Sprecher des Beirats.