Teilhabe
statt Flugtaxis
Ein Stapel zerlesener Handarbeits- und Hausfrauenzeitschriften türmt sich neben Vintagemöbeln. Teils stammen sie schon aus den 1950er-Jahren, als sich Magazinseiten mit Ratgebern, simplen 15-Minuten-Rezepten oder Werbungen für leicht bedienbare Geschirrspüler füllten, alle adressiert an „die moderne Hausfrau“. Sie sind ein Familienerbe – und der Grund für einiges an Aufregung in Lea Schönbergers Mail-Postfach.
Auf dem Coverbild ihres Podcasts trägt die Informatikerin ein Kleid mit Polka Dots und auch sonst tritt sie bis zur Haarspitze im Stil der 1950er-Jahre auf. Der Titel „Informatik für die moderne Hausfrau“ ist eine Referenz darauf, dass informatische Tätigkeiten früher von Frauen bestritten wurden. Cover und Titel sind scherzhaft angelehnt an die fragwürdigen Zeitschriften vergangener Zeiten – und bleiben selbstverständlich nicht ohne Kritik. Das ist aber gar nicht schlimm und auch nicht ganz ungewollt. „Das sieht jemand und denkt sich: ‚Was ist das denn bitte? Das gucke ich mir mal kurz an!‘ Das ist genau der Punkt. Ich will Leute erreichen, die sonst nicht von sich aus auf die Idee kommen würden, einen Informatik-Podcast zu hören. Und das klappt.“

Lea Schönberger bricht gerne mit dem, was sich viele unter einer Informatikerin vorstellen. (© Nici van Grote)
Das Überraschungsmoment zum Erfolg?
Auch als sie früher an Science Slams teilnahm, wollte Lea Schönberger nicht so aussehen, wie das Publikum sich eine Informatikerin vorstellt. „Ich dachte mir, dann ziehe ich mir was Nettes an.“ Menschen ihre eigenen Vorurteile vor Augen führen, sie aus ihrer Komfortzone locken – das ist, was sie mit ihrer Arbeit bewirken möchte. Sie will mit der Informatik die Welt ein kleines Stück besser machen. Aber: „Es geht mir nicht um Flugtaxis und so einen Quatsch. Ich glaube nicht, dass es das ist, was die Gesellschaft voranbringt. Für mich ist es wichtig, dass alle daran teilhaben, dass alle Gestaltungsmöglichkeiten haben. Und das geht eben nur, indem man die Dinge versteht und das entsprechende Wissen hat. Sonst wird man abgehängt.“
Teilhabe – das fehlte Schönberger in ihrem 600-Einwohner-Heimatdorf im Westerwald. Also lernte sie alle Sprachen, die ihr unterkamen, auch die, die es braucht, um zu programmieren. Zunächst studierte sie Latein auf Lehramt, später wurde die Informatik zu ihrer neuen Wahlheimat. Teilhabe fehlte ihr aber auch hier noch viel zu häufig. Bildung und Aufklärung rund um informatische Themen ließen für sie viel zu wünschen übrig, das merkte sie zum Beispiel bei Tech-Events oder Schnupperangeboten für Schüler*innen. „Das fand ich immer ganz, ganz schrecklich: Diese Veranstaltungen, bei denen diese ganzen coolen Sachen präsentiert werden: ‚Guck mal hier, die Roboter, und guck mal hier, die Geräte!‘ Das ist für mich aber nicht das, was du mit Informatik machst, wenn du dich damit beschäftigst oder wenn du das studierst. Das ist nicht das, was das Fach ausmacht.“ Sie findet, Menschen für die Informatik zu begeistern, geht anders und vor allem: besser.
Ihre eigenen Texte spricht Lea Schönberger in ihrem Wohnzimmer ein, das gleichzeitig als Aufnahmestudio fungiert. Sie schöpft aus ihrem Fachwissen, spricht aber für fast jede Episode auch mit einer Expertin, die das Thema der Folge für die Hörer*innen einfach verständlich erklärt. Schönberger ist es wichtig, alle Gespräche persönlich aufzuzeichnen statt virtuell. Fast alle, die in ihrem Podcast zu Gast sind, treten das erste Mal bei solch einem Format auf. Keine von ihnen habe einen „mustergültigen“ Lebenslauf, alle von ihnen „irgendwelche total verrückten Lebensgeschichten“. Auch Christine Regitz, erste Präsidentin der GI und Head von Women in Tech@SAP, war bereits dabei, um über Software Engineering und Diversität zu sprechen. „Sowohl meins als auch Lea Schönbergers Leben ist nicht gradlinig auf die Informatik zugelaufen – und das ist kein Nachteil, sondern ein Vorteil. So lernt man, die Disziplin noch mal auf ganz andere Weise anzugehen, zu hinterfragen und auch die Menschen an sie heranzuführen, die nichts über sie wissen.“
Lea Schönberger
ist promovierte Informatikerin, Studentin der Geisteswissenschaften sowie freie Wissenschaftsjournalistin und -kommunikatorin. In ihrem Podcast „Informatik für die moderne Hausfrau“ spricht sie von, mit und über Frauen in der Informatik, um möglichst vielen Menschen Wissen über informatische Themen zu vermitteln:
schlauberger.science
Mit Altem brechen
Heute studiert Lea Schönberger nebenbei noch Komparatistik und klassische Philologie – ein echtes Privileg, findet sie. Ohne Geisteswissenschaften keine Informatik. „Wie willst du denn vernünftige Entscheidungen treffen oder ein System so entwerfen, dass es irgendwie menschenzentriert ist, wenn du nicht in der Lage bist, dir überhaupt irgendwelche ethischen Fragen zu stellen?“ Für sie sind es nicht die Geräte, die Informatik faszinierend machen, sondern die Menschen. Deshalb stört es Schönberger besonders, wenn nicht alle gleichermaßen wertgeschätzt werden.
Es ist noch nicht lange her, dass bei einer Veranstaltung ein Herr versuchte, ihr das Thema zu erklären. „Und ich dachte mir, mal gucken, wann er merkt, dass ich gleich den Vortrag darüber halte.“ Es brauche mehr gewaltfreie Kommunikation und die Aussicht darauf, dass all die Initiativen für Gleichberechtigung auch bleiben. Mark Zuckerberg, der kürzlich für mehr „masculine energy“ am Arbeitsplatz plädierte, solle einmal tief in sich gehen und sein Weltbild hinterfragen.
All die Zweifler lassen aber auch sie nicht kalt. „Man hat diese Stimme immer im Hinterkopf, die einem sagt, du musst dir genau überlegen, ob du das jetzt kannst. Gegen die muss man sich durchsetzen.“ Aber sie weiß, Storytelling – das kann sie. Lernen und lehren – das auch. Offen über ihre Erfahrungen zu sprechen und so über fehlende Teilhabe aufzuklären, ist ein Skill, der ihr sehr wichtig ist: Denn zwischen Zweifel und Ziel stellen sich noch viel zu oft Menschen mit einem altmodischen und zerlesenen Bild davon, was Frauen können. Und das nimmt Lea Schönberger gerne auch mal aufs Korn. „Steht mir doch, würde ich sagen, und wem das nicht passt, der hat halt Pech gehabt.“
Weiterhören
Inzwischen haben einige Podcasts von und über Frauen in der Technik-Welt Einzug in die Audio-Bibliotheken gehalten, darunter der „Female Tech Talk“ oder „Frauen und Technik“. Auch Lea Schönberger veröffentlicht bald einen neuen Podcast: In „Shady Science“ geht es um die Schattenseiten des Wissenschaftssystems.
female-techtalk.com
frauen-technik.podigee.io
shadyscience.de