Nach Strich
und Faden
Ein seltsamer Begriff: Bindestrich-Informatik. Was genau grenzt er ab?
Barbara Hammer Informatikstudiengänge werden danach unterschieden, wie viele Anteile von Informatik vorhanden sind. Es gibt Bindestrich-Informatik, in denen zu mehr als 50 Prozent Informatik gelehrt wird. Und dann gibt es interdisziplinäre Studiengänge, die genauso gut in einem anderen Fach angesiedelt sein könnten, weil sie weniger Anteile Informatik haben.
Kann man mit der Spezialisierung dann überhaupt früh genug anfangen?
BH Meine Erfahrung ist, dass gewisse Sachen einfach gelehrt werden müssen. KI-Entwicklung ohne Kenntnisse in Mathematik und Statistik ist nicht machbar. Gleiches gilt für die theoretische Informatik. Es braucht einen gewissen Grundkanon wie Lesen, Schreiben und Rechnen auf einem höheren Niveau. Es gibt etablierte Bindestrich-Informatiken mit einem festen Kanon, etwa Bioinformatik mit Elementen wie Algorithmen, Mikrobiologie, aber eher weniger Hardware. Es gibt auch viele Bindestrich-Informatiken, die erst im Master stärker differenzieren. Solche Masterstudiengänge, folgend auf einen klassischen Informatik-Bachelor, halte ich eigentlich für eine gute Lösung, die auch die Studienwahl ein bisschen einfacher macht.
Wie sind Fächer der Bindestrich-Informatik denn angesehen?
Claudia Müller Wir brauchen dieses große Spektrum in unserer Disziplin. Das Informatik-Dach mit den vielen Fachbereichen wie auch in der GI ist sehr wichtig. Aktuell geht es ja darum, zwischen den Fachbereichen Kooperation und Austausch zu stärken. Gleichzeitig benötigt die IT-Gestaltungsarbeit auch intensive Kooperation mit anderen Disziplinen.
BH Ich halte die Fächer für unglaublich herausfordernd. Studierende müssen die Grundlagen der Informatik sowie mindestens eines weiteren Fachs verstehen und noch den Transfer herstellen. Wo andere zwei Prüfungen schreiben, müssen sie oft drei schreiben. Bei einer Promotion ist es schwierig, neben den interdisziplinären Herausforderungen Arbeiten zu schreiben, die in den Fachdisziplinen Bestand haben. In der KI etwa muss man nicht nur Algorithmen entwerfen und mathematisch analysieren, sondern beispielsweise auch die Auswirkungen für die Gesellschaft in Studien untersuchen. Das macht die Chance, aber auch die Problematik von Bindestrich-Informatik klar.
Was steht einer interdisziplinären Kooperation im Weg?
MS In der Human-Computer-Interaction arbeiten wir häufig in Projektkonsortien, in denen interdisziplinär, interprofessionell und intersektoral zusammengearbeitet wird. Häufig ist es zunächst nicht ganz einfach, eine gemeinsame Sprache zu finden, etwa zwischen Informatiker*innen, Ingenieur*innen und Sozialwissenschaftler*innen. Auch ist oft gar nicht klar, was die Arbeitsanteile der anderen Disziplin umfassen – wie komplex Programmieranteile sind oder wie schwierig es ist, Zugänge zu Praxisfeldern zu erhalten und Praxisstudien durchzuführen, beispielsweise in sensiblen Settings wie in der Medizin oder Pflege. Es braucht dafür Lernräume, in denen von- und miteinander gelernt werden kann. Im Projektalltag gibt es dafür häufig zu wenig Zeit. In Projektanträgen kann man für entsprechende Arbeitstreffen oder Workshops meist wenig Ressourcen einkalkulieren.
BH Ein Klischee stellt Informatiker*innen als Nerds dar, die irgendwas im Keller programmieren. Die voranschreitende Digitalisierung der Gesellschaft macht aber sozial- und geisteswissenschaftliche Technologien relevant, um Informatik nutzbar auf die Straße zu bringen und umgekehrt auch die Bedürfnisse zu erfahren. Das ist ein wechselseitiger Prozess. Informatik findet nicht nur im Rechenzentrum statt, sie betrifft alle und erfordert entsprechende Interaktionen unter den Disziplinen.
„Meine Erfahrung ist, dass gewisse Sachen einfach gelehrt werden müssen. Es braucht einen gewissen Grundkanon wie Lesen, Schreiben und Rechnen auf einem höheren Niveau.“
Barbara Hammer

Barbara Hammer hat großen Respekt vor dem Einsatz von Studierenden, die nicht nur eine, sondern gleich mehrere Fachdisziplinen bestreiten. (© privat)
Barbara Hammer
ist Professorin an der Universität Bielefeld für maschinelles Lernen. Ursprünglich kommt sie aus der Mathematik und
hatte erst eine Professur für Theoretische Informatik inne. Unter anderem vertritt sie zurzeit Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen in der Deutschen Forschungsgemeinschaft als gewählte Fachkollegiatin und ist Sprecherin der GI-Fachgruppe Neuronale Netze.
„Es gibt viele Studien, denen zufolge viele Informatik-Großprojekte teurer werden, länger brauchen oder nicht zu Ende gebracht werden. Einer der wichtigsten Gründe ist meistens die mangelnde Nutzerorientierung.“
Claudia Müller

Für Claudia Müller sollten die Grenzen zwischen Disziplinen und Fachbereichen nicht so trennscharf bleiben, wie sie es heute oft noch sind. (© privat)
Claudia Müller
ist Professorin für Wirtschaftsinformatik, insbesondere IT für die alternde Gesellschaft, an der Universität Siegen und Sprecherin des Fachbereichs Mensch-Computer-Interaktion bei der GI. Außerdem ist sie fachlich im Bereich Computer Supported Cooperative Work und Sozio-Informatik tätig. Von 2018 bis 2020 war sie die stellvertretende Vorsitzende der Sachverständigenkommission des achten Altersberichts der Bundesregierung „Ältere Menschen und Digitalisierung“.
Ist das also überhaupt noch eine Debatte – Bindestrich-Informatik versus klassische Informatik?
BH Ich habe die Debatte tatsächlich nie in einem wertenden Sinn mitbekommen. Es ist für die Sicherung der Qualität und die Akkreditierung von Studiengängen natürlich wichtig, den Anteil und die Schwerpunkte von Informatik in einem Studium zu spezifizieren, um Vergleichbarkeit zu schaffen. Wenn man sich mit einem Bachelorabschluss für einen Master bewerben möchte, müssen gewisse Kenntnisse und Fähigkeiten vorhanden sein.
CM Die Entwicklung der Informatikfächer kann man als Dreischritt sehen – bei dem wir den letzten Schritt jetzt noch ausgestalten müssen. Von der Kerninformatik zu den Bindestrich-Fächern ist es angesichts der Durchdringung digitaler Systeme von allen Bereichen der Alltags- und Arbeitswelten aus meiner Sicht essenziell, dass die Informatikfächer einerseits miteinander mehr in Kontakt kommen. Dass sich Fächer, die sich als Kerninformatik identifizieren, mit jenen informatischen Disziplinen mehr vernetzen, die praxis- und menschorientiert arbeiten, wie Wirtschaftsinformatik und HCI. Andererseits wird es notwendig sein, noch mehr mit anderen Disziplinen in den Austausch zu treten. Ein Beispiel ist die digitale Transformation ländlicher Räume. Hier braucht es innovative Produkte, die zu den Lebensumständen und -präferenzen der Menschen passen, die aber auch Herausforderungen in der Gestaltung digitaler Infrastrukturen und Systeme mitverfolgen wie aktuell die Demokratieförderung und Fragen des Zusammenlebens. Wir brauchen soziotechnische Innovationen. Informatik geht nicht ohne die Verankerung in realer Praxis.
Es ist ja auch umstritten, ob Informatik eine Sozial- oder Technikwissenschaft ist. Was meinen Sie?
BH Informatik ist eine Struktur- oder Technikwissenschaft, aber man braucht für gewisse Bereiche Kompetenzen und Methoden aus den Sozialwissenschaften. Etwa in der Wirtschaftsinformatik sind oft User Studies nötig. Originäre Informatikkompetenzen fallen auch deswegen unter Strukturwissenschaften, weil Informatik sich ja den Gegenstand, den sie untersucht, also Programme, Algorithmen oder Rechner, selber schafft, ähnlich wie die Mathematik. Das ist auch einer der Gründe, warum es für Informatik wie auch Mathematik selbst keinen Nobelpreis gibt. In 2024 gingen dabei zum ersten Mal Nobelpreise für Chemie und Physik an Forschende in der KI – das hat viele überrascht und ist ein weiteres Zeichen für die wachsende Interdisziplinarität und sicherlich für die wachsende Bedeutung der Informatik.
CM Ich würde sagen beides. Und gleichzeitig frage ich mich, ob das die richtige Unterscheidung ist. Dass es einen Kern gibt, und gerne kann man andere Fächer dazuholen – dem stimme ich nicht zu. Es gibt viele Studien, denen zufolge viele Informatik-Großprojekte teurer werden, länger brauchen oder nicht zu Ende gebracht werden. Einer der wichtigsten Gründe ist meistens die mangelnde Nutzerorientierung. In meinem Feld muss man je nach Projekt sehr viel technisch verstehen oder eben viel über Pflegearbeit wissen. Aber das reicht nicht aus. Manchmal muss man sich situationsbezogen gemeinsam auch neues Wissen aneignen.
In welche Kategorien passt die neue Informatik dann?
BH So neu ist das gar nicht. In der KI etwa waren schon immer auch Forschende aus den Kognitions- und Neurowissenschaften vertreten und viele Professor*innen kommen nicht aus der Informatik, sondern der Physik oder Mathematik. Es ist sowohl an deutschen Hochschulen als auch in Organisationen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft verbreitet, Fächer hierarchisch zu organisieren. Es gibt keine interdisziplinären Fakultäten und man unterteilt auch oft die Informatik in angewandte, theoretische und technische Informatik. Vieles passt heute nicht mehr in diese Schubladen. Zum Beispiel deine Professur, Claudia: Könnte die genauso gut in Sozial- oder Pflegewissenschaften verankert sein?
CM Ich glaube, das wäre sehr schwierig. Ich brauche für meine Forschung den Informatik-Kontext. An unserer Universität sind Wirtschaftsinformatik und HCI Bereiche der Wirtschaftsfakultät. Ob das günstig ist, könnte man diskutieren. Das sind ja grundsätzliche Fragen: Wie sind die Fakultäten aufgebaut? Wie sind sie historisch gewachsen?
BH Man braucht für einige Profile Bindestrich-Professuren, die nicht nur einer Fakultät zugeordnet sind. Aber dafür haben wir nicht immer geeignete Strukturen – fakultätenübergreifende interdisziplinäre Forschungsinstitute wie etwa das Research Center for Cognitive Interaction Technology, wo ich forsche, bieten hier interessante Möglichkeiten.
In Foren werden an die 1.300 Informatikstudiengänge gelistet. Ufert das Aufgebot an Bindestrich-Feldern aus?
BH Es gibt wachsende Bedarfe für spezielle Profile. Ein Beispiel ist die Pflegerobotik: Wir werden alle älter. Wir werden alle mit unseren Pflegerobotern kämpfen, weil das Design nicht unmittelbar verständlich ist, und sie trotzdem alle benutzen. Aber dann kann es nicht sein, dass man vor einer Blackbox steht oder sie nicht für unsere Anforderungen designt wurden. Angesichts dieser Bedarfe werden Studiengänge geschaffen, die diese Kompetenzen mitgeben. Damit die Menschen an digitalen Technologien in der Pflege arbeiten können, braucht man Pflegewissenschaften, Psychologie, Sozialwissenschaften, Informatik und Robotik.
CM Studien zeigen, dass Frauen Bindestrich-Informatiken häufig als interessanter wahrnehmen, weil der Anwendungsbezug die Technik leichter einordnen lässt. Ebenso wichtig ist, dass Informatikunterricht interessengeleitet und alltagsorientiert ist. Das Aufzeigen von Berufsoptionen und weiblichen Role Models sind wichtige Motivationsfaktoren.
Geht es für die Informatik also nur in eine Richtung – hin zu mehr Interdisziplinarität?
CM Ja. Es ist ja nicht gottgegeben, dass die GI gerade 14 Fachbereiche haben muss. Es können mehr werden, wenn der Bedarf sich ergibt. Ich würde mir aber wünschen, dass das Selbstverständnis sich auch mitent- wickelt: dass alle zwar ihre genuine Expertise besitzen, sich aber auch als multidisziplinäre Akteur*innen unter einem Dach verstehen.