
Bitte mit
Störungen rechnen
Digitale Resilienz ist das Leitthema der diesjährigen INFORMATIK. Was bedeutet dieser Begriff für Sie?
Corinna Schmitt Allgemein ist es die Fähigkeit, mit digitalen Herausforderungen, Störungen und Risiken zurechtzukommen. Das Digitale bringt uns viele Vorteile, aber auch Stress und Situationen, mit denen wir gelassener umgehen oder die wir vielleicht auch mal ignorieren sollten.
Florian Tschorsch Aus technischer Perspektive geht es darum, dass ein System seine Funktionen auch dann noch erfüllen kann, wenn etwas kompromittiert wird oder kaputtgeht. Die Grundidee ist nicht neu: Die Informatik beschäftigt sich seit ihren Anfängen damit, zuverlässige Systeme aus unzuverlässigen Komponenten zu bauen. Heute sind die Systeme aber komplexer, stärker vernetzt und voneinander abhängig. Digitale Resilienz greift diese neue Dimension auf.
CS Genau. Fehlertoleranz, Redundanz oder Notfallmanagement beschäftigen uns seit Jahrzehnten. Wir haben all das nur lange nicht mit Resilienz in Verbindung gebracht. Salopp gesagt ist Resilienz also ein neuer Begriff, der viele altbekannte Dinge unter einem gemeinsamen Schirm zusammenbringt.
Wer trägt eigentlich die Verantwortung für digitale Resilienz? Politik? Unternehmen? Die Wissenschaft? Die Nutzer*innen selbst?
CS Ich würde sagen: eigentlich alle. Aus technischer Sicht muss gewährleistet sein, dass Systeme das machen, was sie sollen – also funktionieren oder Alarm schlagen. Gleichzeitig stellt sich etwa bei KI die Frage: Inwieweit können wir einem System vertrauen und ihm Freiheiten geben?
FT Es ist ein interdisziplinäres Thema. Am Ende haben wir es mit einem komplexen sozio-technischen System zu tun. In der Luftfahrt etwa werden Flugzeuge fehlertolerant gebaut: Fällt etwas aus, muss etwas anderes übernehmen. Aber zum System gehören auch die Crew an Bord, das Technikteam am Boden und viele organisatorische Abläufe – und überall kann etwas schiefgehen. Dies nur als Problem der Technik oder der Informatik zu betrachten, wäre deshalb zu kurz gedacht.
„Wir müssen auch wieder lernen, uns aus der digitalen Welt abzuschotten – sprich: ganz altmodisch offline zu gehen.“
Corinna Schmitt
Prof. Dr. Corinna Schmitt
leitet am Forschungsinstitut CODE der Universität der Bundeswehr München die Forschungsgruppe Secure Communication Systems und ist lokale Ansprechpartnerin des Nationalen Koordinierungszentrums für Cybersicherheit Deutschland. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Frage, wie vernetzte Systeme sicher, vertrauenswürdig, resilient und datenschutzfreundlich kommunizieren.
„Entscheidend sind nicht zwangsläufig weniger Angriffe, sondern geringere Auswirkungen und ein besserer Umgang damit.“
Florian Tschorsch
Prof. Dr. Florian Tschorsch
ist Professor für Privacy and Security an der TU Dresden. Er forscht zur Sicherheit und Privatsphäre in verteilten Systemen und Kommunikationsprotokollen. Zu seinen konkreten Forschungsthemen gehören resiliente und dezentrale Systemarchitekturen, Datenschutz sowie sichere und anonyme Internetkommunikation. In diesem Jahr ist er außerdem General Chair der INFORMATIK 2026 in Dresden.
Wo begegnet uns digitale Resilienz außer in der Luftfahrt sonst noch im Alltag – vielleicht sogar, ohne dass wir es merken?
FT Im digitalen Raum sind vor allem Kommunikationsnetze wie das Internet ein Beispiel. Auch bei Cloud-Diensten steht eine hohe Verfügbarkeit im Zentrum.
CS Social Media ist ein gutes Beispiel, denn diese Plattformen können uns stark beeinflussen. Technisch müssen wir dafür sorgen, dass Systeme auch in kritischen Situationen so agieren, wie wir es erwarten. Aber dahinter steht immer noch der Mensch und damit seine Beeinflussbarkeit. Entscheidend ist deshalb auch: Wie können wir Informationen bewerten und Risiken einschätzen?
FT Gerade Desinformationen in sozialen Medien zeigen die Komplexität digitaler Resilienz: Sie können unseren Informationsfluss kompromittieren. Die Frage ist, wie unsere digitalen Systeme damit umgehen – und wie wir als Menschen damit umgehen.
CS Dazu kommt die ständige Erreichbarkeit und die Menge an Informationen, die wir verarbeiten müssen. Wir müssen auch wieder lernen, uns aus der digitalen Welt abzuschotten – sprich: ganz altmodisch offline zu gehen.
Was bedroht unsere digitale Resilienz momentan am meisten? Sind es Cyberangriffe, technische Ausfälle, Abhängigkeiten – oder etwas ganz anderes?
FT Cyberattacken wie Denial-of-Service-Angriffe oder Ransomware bleiben eine Bedrohung. Ein zentrales Problem sind aber Abhängigkeiten und die daraus entstehenden Kaskadeneffekte. Kritisch wird es, wenn der Ausfall eines Systems bei anderen einen Dominoeffekt auslöst. Gleichzeitig gibt es einen Zielkonflikt: Zentralisierte Systeme können Vorteile für die Sicherheit haben. Aus Resilienzperspektive sind sie aber anfällig, weil der Ausfall einer zentralen Stelle große Auswirkungen haben kann. Unabhängigere Strukturen können dieses Risiko reduzieren, schaffen aber wiederum neue Angriffsflächen.
CS Gute Zusammenfassung. Man sollte aber auch bedenken, dass die Folgen möglicherweise erst später sichtbar werden. Dann stellt sich die Frage: Können wir die ursprüngliche Ursache überhaupt noch nachvollziehen? Deshalb sollten wir Vorfälle dokumentieren, daraus Maßnahmen ableiten und mögliche Abhängigkeiten aufdecken.
Bei Resilienz denkt man schnell an Schutz – also daran, Angriffe zu verhindern oder Sicherheitslücken zu schließen. Ist ein möglichst sicheres System automatisch auch ein resilientes System?
FT Nein. Firewalls oder Zwei-Faktor-Authentifizierung schützen nicht davor, dass etwa die Hardware ausfällt und Kaskadeneffekte entstehen. Dafür braucht es Redundanz und andere Resilienzmechanismen. Diese erhöhen wiederum die Angriffsfläche – eine einfache Lösung gibt es also nicht.
CS Da stimme ich zu. Verteilte Lösungen schaffen zwar Redundanz, durch die nötige Kommunikation aber auch neue Angriffsflächen. Wir beheben also das eine und öffnen an anderer Stelle wieder ein Scheunentor.
Ein digitales System soll heute möglichst alles gleichzeitig leisten: sicher sein, Daten schützen, jederzeit verfügbar sein und schnell funktionieren. Herr Tschorsch, Sie beschäftigen sich besonders mit den Zielkonflikten, die dabei entstehen. Wo müssen wir Abstriche oder Kompromisse machen?
FT Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass es eine Lösung gibt, die Sicherheit, Resilienz, Effizienz und Datenschutz gleichzeitig optimal erfüllt. Wir müssen deshalb transparent machen, was ein System leisten kann – und wo seine Grenzen liegen. Resilienz erfordert etwa Monitoring und damit die Beobachtung von Systemen, während der Datenschutz möglichst wenig Datenverarbeitung verlangt. Am Ende müssen verschiedene Systemeigenschaften anwendungsspezifisch gegeneinander abgewogen werden.
CS Das eine bedingt das andere – wie beim Zauberwürfel: Man löst eine Stelle und scheitert dafür an einer anderen. Das zeigt sich etwa bei Sicherheitspatches: Sie sollen Systeme absichern, gleichzeitig sind viele ältere Geräte nicht mehr auf dem neuesten Stand und werden trotzdem weiter genutzt. Nehmen wir als Beispiel ein modernes Auto: Wegen eines Updates muss man womöglich vier Wochen auf einen Werkstatttermin warten. Vor Ort ist das Update dann innerhalb kürzester Zeit erledigt. Warum braucht es dafür überhaupt einen Termin? Technik ist schön, aber nicht unbedingt anwenderfreundlich. Blöd gesagt: Ich lobe mir mein altes Auto.
Welche Rolle spielt KI für die digitale Resilienz? Macht sie unsere Systeme widerstandsfähiger – oder entstehen dadurch neue Abhängigkeiten und Angriffsmöglichkeiten?
CS Es stellt sich die Frage: Vertrauen wir ihr blind oder hinterfragen wir sie? Sie kann Systeme resilienter machen, etwa indem sie Monitoring übernimmt, ist aber nur so gut, wie sie trainiert wurde. Und letztlich ist auch KI ein Buzzword. Dahinter stehen Algorithmen, Machine Learning, neuronale Netze oder Deep Learning – bekannte Technologien unter einem neuen Label.
FT Wir neigen dazu, sehr viel in den Begriff KI hineinzuprojizieren. Am Ende ist KI ein technisches System. Sie kann uns helfen, schon in der Entwicklungsphase Schwachstellen oder Abhängigkeiten zu erkennen. Mit KI können wir Systeme in größerem Maßstab Stresstests unterziehen und frühzeitig auf Schwachstellen reagieren. Natürlich steht KI auch Angreifer*innen zur Verfügung – auf Entwicklungsseite könnte sie uns aber einen Vorteil bringen.
CS Man kann sich nur so gut verteidigen, wie man die Angriffe kennt. Deshalb muss man auch mal den Bösen spielen – natürlich in einem abgesicherten System. Es ist wie bei Offense und Defense im Sport: Die eine Seite sucht die Lücken, die andere muss sie verteidigen.
Wenn wir uns 2036 noch einmal in dieser Konstellation treffen würden: Woran würden Sie erkennen, dass Deutschland oder Europa tatsächlich digital resilienter geworden sind?
CS Ein Punkt wären europäische Alternativen zu Systemen, bei denen wir noch von außereuropäischen Anbietern abhängig sind. Ein Zeichen für mehr Resilienz wäre außerdem, dass die Menschen solche Abhängigkeiten stärker hinterfragen – und wir vielleicht teilweise wieder vom Digitalen wegrücken.
FT Weniger Abhängigkeiten – das sehe ich genauso. Entscheidend sind nicht zwangsläufig weniger Angriffe, sondern geringere Auswirkungen und ein besserer Umgang damit. Außerdem sollte sich Resilienz als Designprinzip etablieren. Informatiker*innen sollten bei der Entwicklung genauso selbstverständlich über Resilienz nachdenken wie über Performance, Kosten oder Sicherheit: Was darf ausfallen? Was funktioniert dann noch? Und wie kommen wir zurück in den Normalzustand? Wenn solche Fragen Teil der Ausbildung und Entwicklung neuer Systeme wären, hätten wir einen ziemlichen Erfolg erzielt.
Frau Schmitt, Sie haben gesagt, dass wir uns vielleicht sogar wieder ein Stück vom Digitalen wegbewegen sollten. Inwiefern?
CS Skandinavien ist ein gutes Beispiel für eine stark digitalisierte Gesellschaft. Im Zahlungsverkehr wurde dort erst stark forciert, digital oder per Karte zu bezahlen. Inzwischen geht man teilweise wieder einen Schritt zurück. Das finde ich bei einer Gesellschaft, die Digitalisierung so stark vorangetrieben hat, sehr interessant.
FT Gerade im Zahlungsverkehr ist der digitale Euro interessant. Er soll auch direkte Peer-to-Peer- und Offline-Zahlungen ermöglichen – selbst wenn die digitale Infrastruktur dahinter gerade nicht verfügbar ist. Damit könnten wir unabhängiger von zentralen Zahlungsdienstleistern und gleichzeitig resilienter gegenüber Störungen und Ausfällen werden.

Das INFORMATIK FESTIVAL 2026
Vom 22. bis 25. September 2026 trifft sich die Informatik-Community an der TU Dresden zur 56. Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik. Unter dem Leitthema „Digitale Resilienz“ dreht sich vier Tage lang alles um die Frage, wie digitale Systeme und Strukturen mit Krisen, Angriffen und Ausfällen umgehen können. Workshops, Vorträge und Diskussionen bringen dabei Perspektiven aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen.